Reservisten als Fritten. Russlands Propaganda zur "Teilmobilisierung"

epd Im staatlichen Ersten Kanal werden den Russen in den Abendnachrichten Fotos von Militäroperationen gezeigt. Ein Soldat „liquidierte eine Gruppe von Nationalisten und nahm einen Gefangenen“, heißt es beispielsweise. Ein anderer „trat in einen ungleichen Kampf mit Saboteuren“. Dann folgt ein Bericht aus der ukrainischen Region Cherson. Eine Korrespondentin zeigt, wie frisches Brot für das Militär gebacken wird. Junge russische Soldaten erzählen, dass sie gut ernährt sind, regelmäßig neue Ausrüstung bekommen und generell „alles fast wie zu Hause ist“. Dabei betonen sie, dass es nichts zu befürchten gebe: „Wir müssen unsere Heimat verteidigen, unsere Pflicht tun. Jungs, wir warten auf euch, kommt!“

Dieselben Stimmen sind in staatlich kontrollierten russischen Zeitungen zu vernehmen. So hält die „Komsomolskaja Prawda“ - ein Boulevardblatt mit einer Auflage von mehreren hunderttausend Exemplaren - Monologe von der Front. Das Militär wendet sich an frisch Mobilisierte: „Was hier passiert, hätte auch in Russland passieren können. Deshalb werdet ihr mobilisiert, Jungs.“ Oder: „Infanterie löst das Problem. Sei nicht ängstlich. Wir werden gemeinsam gewinnen.“ Daneben stehen Artikel über die „Erfolge“ der russischen Armee in der Ukraine und Glückwünsche dazu, dass vier Regionen Russland „beitreten“. Aber es gibt zwei große Probleme.

Erstens unterscheidet sich die Realität stark von dem Bild der Propaganda. Während der Kreml damit beschäftigt ist, die Annexion neuer Gebiete zu formalisieren, führt die ukrainische Armee dort eine große und recht erfolgreiche Offensive durch, um die auf dem Papier weggenommenen Gebiete zurückzuerobern. Russland braucht mehr Kämpfer. So begann für viele Russen der Krieg nicht 2014 mit der Annexion der Krim oder mit dem umfassenden Angriff in der Ukraine am 24. Februar 2022, sondern erst am 21. September, als Präsident Wladimir Putin die sogenannte Teilmobilisierung ankündigte. Das ist ein schwieriger Begriff, denn viele Russen erhielten Einberufungsbefehle - fast jeder hat Verwandte, Freunde oder Bekannte, die betroffen sind.

Das führt zum zweiten Problem: Der Krieg kam nun zu vielen nach Hause, und die russische Propaganda musste überall erklären, warum genau Männer gehen, ihr Leben riskieren und andere Menschen in einem fremden Land töten müssen. Die Propagandamaschine läuft nicht nur im Fernsehen und in Zeitungen, sondern auch auf Social Media - dort aber mit begrenztem Erfolg. Im russischen sozialen Netzwerk Vkontakte wurde der Flashmob „#bezpaniki“ (#ohnePanik) gestartet: Mehrere regierungsfreundliche Blogger veröffentlichten ähnliche Posts und zeigten am Beispiel von Pommes frites, Marmelade und Kosmetik, dass es doch sehr wenig sei, wenn ein Prozent der Reservisten einberufen werde.

Da hielt dann etwa eine junge Influencerin in der rechten Hand eine prall gefüllte Pommestüte, die digital mit der Aufschrift „100 Prozent“ versehen war; in der linken Hand hatte sie hingegen nur eine einzige, winzige Fritte („1 Prozent“). Aber die Nutzer reagierten so negativ, dass die Kampagne gestoppt werden musste.

Die Kluft zwischen Propagandabild und Realität wächst: Die angebliche „Teilmobilisierung“ läuft chaotisch ab, auch Nicht-Dienstfähige werden einberufen. Familien müssen oft alles selbst für ihre einberufenen Verwandten kaufen, sogar Stiefel, Schutzwesten und warme Unterwäsche. Die Preise dafür sind stark gestiegen. Einige Mobilisierte sagen, dass es keine Vorbereitung gibt, andere veröffentlichen Fotos von kaputten Waffen, die ihnen ausgehändigt wurden. Der Staat kann die unabhängigen Medien, die darüber berichten, blockieren und die militärische Propaganda verstärken, aber immer mehr Menschen in Russland beginnen, die wirkliche Lage aus eigener Erfahrung klarer zu sehen.

Aus epd medien 40/22 vom 7. Oktober 2022

Irina Chevtaeva