Regeln gegen Grenzüberschreitungen. Wenn es am Filmset intim wird

Filmskandale haben häufig mit Sex zu tun, und selten sind es Männer, die darunter leiden. Als 1972 "Der letzte Tango von Paris" in die Kinos kam, warfen Kritiker Bernardo Bertolucci vor, er habe Pornografie produziert. Das Drama erzählt von einer allein auf Sex basierenden Beziehung zwischen einem meist angezogenen Mann um die 50 (Marlon Brando) und einer sehr jungen und meist unbekleideten Frau (Maria Schneider). In einer Szene kommt es zu einer analen Vergewaltigung.

Jahrzehnte später sorgte der Film erneut für Empörung: Zwischenzeitlich hatte sich herausgestellt, dass die damals noch unerfahrene Hauptdarstellerin keine Ahnung hatte, was auf sie zukommen würde. Nicht nur die Filmfigur, auch die Schauspielerin ist in diesem Moment überrumpelt worden. Damit sich solche Vorfälle nicht wiederholen, ist die Anwesenheit eines sogenannten Intimacy Coordinators bei britischen und amerikanischen Produktionen mittlerweile fast eine Selbstverständlichkeit.

Dass es diese Tätigkeit gibt, hat sicherlich auch mit #Metoo zu tun. Trotzdem ist es seltsam, dass nicht schon längst jemand auf die Idee gekommen ist: Es gibt zwar Experten für Stunts, Zweikämpfe und Tänze, aber bei intimen Szenen werden Schauspieler allein gelassen. "Intimitätskoordinator" klingt zwar nicht sexy, trifft es aber perfekt, denn diese speziell ausgebildeten Personen dienen als doppeltes Sprachrohr: für den Regisseur, der vielleicht nicht die richtigen Worte findet, und für die Darstellerinnen - meist sind es Frauen -, die sich nicht trauen, rote Linien zu markieren. Es gibt nach wie vor deutlich mehr Rollen für Männer. Wenn eine Frau dann noch als "schwierig" gilt, kann die Karriere enden, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Julia Effertz ist Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin. Sie möchte allerdings vermeiden, dass bei dem Thema nur auf Frauen geschaut wird. Sie weiß von Schauspielern, denen es sehr zu schaffen gemacht hat, eine Vergewaltigungsszene zu spielen. Effertz hat ihre Ausbildung bei der Britin Ita O'Brien absolviert, sie ist so etwas wie die Schutzpatronin der Schauspieler, seit sie 2017 Richtlinien für das Drehen intimer Filmszenen veröffentlich hat.

Dabei geht es aber nicht nur um Sexszenen. Für Teenager, sagt Effertz, die selbst eine erfahrene Schauspielerin ist, könne auch ein Kuss heikel sein. "Der erste Kuss ihres Lebens, und das vor laufender Kamera und womöglich einem Dutzend Komparsen: Das bedarf erhöhter Fürsorge. Ein Kuss ist etwas sehr Persönliches. In diesem Moment ist man womöglich noch verletzlicher als bei einer Liebesszene."

Effertz' Argumente klingen einleuchtend: "Man spart Zeit, die Szene sieht besser aus, und es kommt nicht zu Grenzüberschreitungen." Sie klärt mit dem Kostümbild ab, dass Genitalabdeckungen und Bademäntel bereitliegen, und sorgt für die Einhaltung des "Closed Set": Außer Regie, Kamera, Ton, den beteiligten Schauspielern und ihr selbst ist niemand beim Dreh dabei.

Während sich Produzenten fragen, was das wieder kostet (eine niedrige vierstellige Summe pro Drehtag), sind Regisseure eher offen. Die Regisseurin Sibylle Tafel sagt, beim deutschen Fernsehfilm, werde wenig Rücksicht auf Befindlichkeiten genommen: "Nippel ab- und Penis wegkleben, und die Sache läuft." Sie wäre daher sehr dankbar, wenn sie Unterstützung bekäme, zumal viele Schauspieler bei Nacktszenen sehr nervös seien: "Lust zu zeigen bedeutet massiven Kontrollverlust." Außerdem habe man als Regisseur unter Umständen einen Interessenskonflikt: "Was gut für den Film ist, muss sich nicht zwangsläufig gut für den Schauspieler anfühlen."

Aus epd medien 9/20 vom 28. Februar 2020

Tilmann Gangloff