Rechter als Fox News. OANN, Trumps neuer Lieblingssender

Wenn der stramm konservative US-Nachrichtensender Fox News einmal abkommt von seinem rechten Weg (so geschah es kürzlich bei ungewöhnlich harten Fragen an Donald Trump), dann bietet sich Gefolgsleuten eine Alternative: Das 2013 gegründete One America News Network (OANN) verkündet grundsätzlich nichts Negatives über Trump. Der Fernsehsender mit Sitz in San Diego sendet rund um die Uhr. Im Juli empörte sich Trump über eine Fox-News-Meldung, wonach er bei Umfragen hinter seinem demokratische Rivalen liegt. Fox News sei fast so schlimm wie CNN, befand der US-Präsident auf Twitter. Man solle stattdessen OANN schauen. Dort kam ein "Wahlexperte" zu Wort und sagte voraus, Trump werde mit 91-prozentiger Wahrscheinlichkeit gewinnen.

OANN hat als erster Sender Trumps Wahlkampfveranstaltungen in voller Länge übertragen. Eigentümer Robert Herring, ehemals erfolgreicher Unternehmer und enthusiastischer Fan, bestimmt im Wesentlichen, was läuft. Ein Foto nach dem Wahlsieg 2016 zeigte Herring, zurückgelehnt im Sessel, Füße auf dem Schreibtisch - in Socken mit Bild von Trump. Die OANN-Korrespondentin im Weißen Haus, Chanel Rion, informiert auf ihrer Webseite, sie sei eine engagierte Mitstreiterin der "Trump Army". Der Präsident ruft sie gerne auf. Einmal nahm Rion Trump in Schutz gegen die Kritik der "linken Medien", seine Klassifizierung des Coronavirus als "chinesischer Virus" sei rassistisch. Ob auch der Begriff "chinesisches Essen" rassistisch sei, wollte Rion wissen.

Überhaupt Covid-19. Ein Exposé bei OANN hat sich mit der möglicherweise "größten Verschwörung in der US-Geschichte" befasst. Es ging um hohe Todeszahlen in Pflege- und Altenheimen. Warum habe der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, diese Einrichtungen "gezwungen", mit dem "Wuhan Coronavirus" infizierte Patienten aufzunehmen? Es gebe nur "eine logische Antwort": "Radikale demokratische Politiker hassen Donald Trump so sehr, dass sie bereit sind, Menschen zu opfern, um Macht zu gewinnen."

Das mag bizarr klingen, doch in der trumpistischen Welt, wo der "tiefe Staat" eine Verschwörung plant, das Coronavirus von selber verschwinden wird und Investor George Soros und Hillary Clinton die Opposition steuern, liegt das im Bereich des Vorstellbaren. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg News in Juni berichtete, hat OANN Probleme, bei großen Infrastrukturanbietern wie Comcast unterzukommen. OANN könne nur in 35 Millionen US-Haushalten empfangen werden, Fox News in 84 Millionen. Doch so maßgeblich ist es offenbar nicht, dass OANN nur begrenzt empfangen werden kann. Die "Fakten" sind erst einmal in der Welt, sie desorientieren die gesellschaftliche Debatte, können zitiert werden. Trumps Kritiker regen sich darüber auf - und verbreiten so Unwahrheiten und Spekulationen aufs Neue. Der Präsident selbst ist Meister dieser Propaganda. Oft stellt er keine Behauptungen auf, sondern erzählt, er habe gehört, andere Leute hätten ihm gesagt...

Auf den Markt drängt sich auch eine konservative Alternative zu Twitter, der Kurznachrichtendienst parler.com. Er ist noch ein ganz kleiner Bruder von Twitter mit nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Nutzern. Parler verspricht, Nutzer nicht zu zensieren. Prominente republikanische Politiker machen mit. Sie wollen es Twitter nicht verzeihen, dass der Dienst Posts von Trump als irreführend gekennzeichnet hat.

Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, seit Trumps Medienberaterin Kellyanne Conway Anfang 2017 die USA über das Konzept von "alternativen Fakten" in Kenntnis setzte. Der verspottete Vorstoß war ein voller Erfolg. Wenn der Präsident und ihm nahestehende Medien heute nachweislich falsche "Fakten" in Umlauf setzen, macht es kaum einen Unterschied, wenn Faktchecker das anprangern. Dreiste Desinformation funktioniert.

Aus epd medien 30-31/20 vom 24. Juli 2020

Konrad Ege