epd Sich der eigenen Geschichte zu erinnern, ist eine Aufgabe, deren Bedeutung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer wichtiger wird. Nicht nur, um zu demonstrieren, zu welchen Leistungen er fähig war, sondern auch um vorzuführen, dass sich in seinen Produktionen die Geschichte der Bundesrepublik spiegelt. Das trifft auch auf die Filme zu, die Eberhard Fechner als Regisseur von 1967 bis zu seinem Tod 1992 für ARD und ZDF realisierte.

Der NDR hat nun aus Anlass des Todes von Fechner vor 30 Jahren drei seiner wichtigsten Dokumentarfilme wiederholt und in die Mediathek aufgenommen: „Nachrede auf Klara Heydebreck“ (1969), „Klassenphoto“ (1970) und „Die Comedian Harmonists“ (1976). Dem NDR war Fechner auf mehrfache Weise verbunden: Vom Fernsehspielchef dieses Senders, Egon Monk, wurde er das erste Mal als Schauspieler im deutschen Fernsehen eingesetzt. Unter Monks Regie spielte Fechner im Film „Ein Tag“ mit, der 1965 vom Leben und Sterben in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager erzählte.

Monk war es auch, der Fechner 1966 seine erste Spielfilmregie ermöglichte: „Selbstbedienung“. Die Geschichte eines Kaufhauseinbruchs basierte auf einem realen Fall, den Fechner umfangreich recherchiert hatte. In seinem ersten Dokumentarfilm „Nachrede auf Klara Heydebreck“ rekonstruierte er 1969 den Suizid einer älteren Frau, auf den er über eine Polizeimeldung aufmerksam wurde. In diesem Film erprobt Fechner an einigen Stellen ein Verfahren, das seine späteren Dokumentarfilme bestimmte. Zu Beginn schachtelte er die Aussage mehrerer Augenzeugen so ineinander, dass gleichsam eine kollektive Aussage des Geschehens entstand.

Der zweiteilige Film „Klassenphoto“ erzählt die Geschichte einer Berliner Schulklasse, die 1938 das Abitur abgelegt hatte. Zu der Klasse gehörte auch ein Junge, der 1933 als Jude die Schule verlassen musste. Auch hier hat Fechner viele Einzelaussagen, die oft nur aus einem Satz bestehen, so montiert, dass sie zu einer großen Geschichtserzählung zusammenfließen. Ähnlich arbeitete er in dem ebenfalls als Zweiteiler angelegten Dokumentarfilm „Die Comedian Harmonists“, der zum ersten Mal die Geschichte dieser Gesangsgruppe erfasste, die Popstars waren, bevor es diesen Begriff gab.

Fechners große Dokumentarfilme beeindrucken durch seinen Ansatz, politische und gesellschaftliche Geschichte durch eine umfassende Sammlung von vielen Einzelerzählungen zu erfassen. Dazu bedurfte es nicht nur einer hartnäckigen Recherche, sondern auch einer großen Überzeugungskraft, mit der der Dokumentarfilmer Menschen zu den Gesprächen vor der Kamera verpflichten konnte. Hinzu kommt die mitunter viele Monate währende Montage (meist zusammen mit der Cutterin Brigitte Kirsche) und die überlange Form als Zwei- oder Mehrteiler.

Dieser umfassende Ansatz erstaunt heute besonders. Fechner folgte keinen Formatierungsbefehlen, die heute viele Fernsehdokumentationen bestimmen. Er blieb sich und seinem radikalen Verfahren stets treu. Die Sender akzeptierten das nicht nur, sie finanzierten seine Arbeiten selbst dann, wenn ein Ergebnis bei Drehbeginn noch nicht feststand oder das Ende des zu dokumentierenden Ereignisses noch nicht abzusehen war. Es reichte das Vertrauen, das die Redaktionen in Fechner setzten. Ein Vertrauen, für das sie, die Sender ebenso wie das Publikum, bis heute reich belohnt werden. Dieses Vertrauen scheint es heute nicht mehr zu geben. An seine Stelle ist die durch viele Gremien vorgenommene Kontrolle von detaillierten Konzepten getreten, in denen schon alles ausformuliert ist.

Aus epd medien 33-34/22 vom 19. August 2022

Dietrich Leder