Provokationen von "Patriot". Wie man in Russland Meinung macht

Petya ist adoptiert und von seinem neuen Vater aus dem Kinderheim abgeholt worden. Der Junge ist glücklich, fragt aber: "Wo ist meine Mutter?" Der Mann zeigt auf seinen Partner, der feminin gekleidet ist und neben einem Mini Cooper steht, und antwortet: "Da ist sie, deine neue Mutter." Der Junge ist traurig, die Kinderheim-Mitarbeiterinnen in weißen Kitteln sind schockiert. Am Ende kommt die Frage: "Wählst du ein solches Russland? Entscheide über die Zukunft des Landes, stimme für die Verfassungsänderungen." Die Änderungen, die nach Angaben der zentralen Wahlkommission am 1. Juli mit großer Mehrheit von der Bevölkerung gebilligt wurden, festigen unter anderem die Ehe als Partnerschaft explizit von Mann und Frau.

Das homophobe Propagandavideo wurde von der russischen "Bundesnachrichtenagentur" (FAN) veröffentlicht. Und sofort sammelte es eine große Menge Reaktionen, Youtube hat es wegen Diskriminierung blockiert, der staatliche Erste Fernsehkanal in Russland machte dazu eine Parodie. In sozialen Netzwerken waren die Menschen empört und organisierten einen Flashmob gegen Hass und Homophobie unter dem Motto "Ja, solches Russland wähle ich". FAN hat ihr Ziel erreicht: Ihr Provokationsvideo ging viral.

FAN ist die größte von fünf Medien der russischen Mediengruppe "Patriot". Das Ziel der Gruppe ist nach eigenen Angaben die "maximale Informationsverbreitung über die in Russland stattfindenden Ereignisse, um einen günstigen Informationsraum zu schaffen, der auf die Entwicklung des Landes abzielt". Die Mediengruppe selbst entstand aus der sogenannten "Medienfabrik" - das sind mindestens 16 Websites mit einem ähnlichen Schwerpunkt: die Agenda des Kreml zu unterstützen.

Die "Medienfabrik" entstand wiederum aus der "Agentur für Internet-Forschung", einer Trollfabrik, die gefälschte Konten und Bots benutzt, um den Pro-Kreml-Standpunkt und Angriffe auf die Opposition zu fördern. All diese Strukturen sind mit dem Namen Jewgeni Prigoschin verbunden - einem Geschäftsmann, der unter anderem Catering für die russische Führung organisierte. Deshalb wird Prigoschin der "Koch von Putin" genannt. Sowohl Prigoschin als auch die "Agentur für Internet-Forschung" und FAN stehen wegen ihrer Einmischung in die US-Wahlen unter US-Sanktionen.

"Patriot" hat monatlich mehrere zehn Millionen Nutzer. Ein Teil davon sei echt, ein anderer "halbdigital", wie der Medienanalytiker Wassili Gatow sagt. Die Mediengruppe kaufe Internet-Traffic und nutze Bots. So hat FAN in dem russischen sozialen Netzwerk "Vkontakte" mehr als 175.000 Abonnenten, bei Telegram hingegen nur etwa 4.000. Dort ist es schwieriger, Follower zu kaufen. Kurz vor der Verfassungsabstimmung veröffentlichte "Patriot" reißerische Beiträge mit Titeln wie "Putin sprengte die westlichen Medien in die Luft". Die Gruppe produziert solche Inhalte in großen Mengen und in vielen Varianten. "Das ist ihre Stärke, irgendwann wird einer von den Beiträgen viral und hat dadurch eine gezielte und effektive Wirkung", sagt Gatow. "So entsteht der Eindruck, dass die Mediengruppe angeblich ein breites Publikum hat." Ein Beispiel davon ist das virale Video über den Jungen.

Die Politologin Jekaterina Schulman bezeichnet dieses Video als "privates Unternehmensrowdytum". Sein Ziel sei es gewesen, die russische Gesellschaft über dessen Inhalt diskutierten zu lassen - und nicht über die Machterweiterung und die neuen Amtszeiten für Präsident Wladimir Putin, die die Verfassungsänderung ebenfalls vorsieht. "Unser politisches System verfügt über genügend Ressourcen, um die benötigten Zahlen am Ende der Abstimmung zu zeigen. Aber es ist nicht möglich, dies als Bestätigung der breiten Unterstützung des Präsidenten an die Öffentlichkeit zu verkaufen", so Schulman. Dasselbe gilt für FAN: Die Agentur hat viele Ressourcen und gibt hohe Nutzerzahlen an - ob aber hinter diesen Zahlen viele loyale Leser stehen, bleibt fraglich.

Aus epd medien 27/20 vom 3. Juli 2020

Irina Chevtaeva