Primetime-Coup. Wie ProSieben ARD und ZDF ein Interview stibitzte

Sie trete an für Erneuerung und dafür, es anders zu machen, sagt Annalena Baerbock. Dass die Grünen es ernst meinen mit dieser Message, machte die Partei mit einer ungewöhnlichen Kommunikationsstrategie bereits Tage vor der Kür der 40-Jährigen zur Kanzlerkandidatin deutlich. ProSieben konnte einen Coup für sich verbuchen, indem es das erste große Baerbock-Interview nach deren Nominierung ausstrahlte. Für die Livesendung räumte der Privatsender den Primetime-Platz um 20.15 Uhr frei und schob die zuvor recht erfolgreich gestartete Serie "Chernobyl" um 45 Mintuen nach hinten.

Das erste Interview der ersten Kanzlerkandidatin in der Geschichte der Grünen an einen Privatsender gewissermaßen zu verlieren, dürfte für die öffentlich-rechtliche Konkurrenz ein Schock gewesen sein. Ihr eigenes Gespräch in den "Tagesthemen" kündigte Moderatorin Caren Miosga im Twitter-Account des Nachrichtenmagazins denn auch mit einer verunglückten Aussage an: "Es ist ein Mädchen. Wie die Grüne dem Grünen den lichtesten Platz stibitzte und erste Kanzlerkandidatin von #DieGruenen wurde." Hatte die kleine Annalena ihrem Mitstreiter Robert mit heimlicher List tatsächlich die Kanzlerkandidatur gestohlen? Ist Caren Miosga frauenfeindlich?

Beide Fragen sind sicherlich zu verneinen. Miosga bemühte sich mit einem weiteren Tweet zunächst um Schadensbegrenzung und verwies darauf, dass der Satz eine Anspielung "auf die damals schon humorvoll gemeinte Schlagzeile der taz zu A.Merkel" gewesen sei. Schlussendlich löschten die "Tagesthemen" die umstrittene Interviewankündigung, und die Moderatorin bat um Entschuldigung.

Nachdem Baerbock sich am 19. April also den Fragen von Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke auf ProSieben stellte und noch bevor sie in den "Tagesthemen" auftrat, war die Politikerin an diesem Abend auch im ZDF zu sehen, zum Abschluss auch im "RTL Nachtjournal". Der Primetime-Coup "Das Kanzlerkandidatin-Interview" bescherte ProSieben übrigens nicht den mutmaßlich erwarteten Quoten-Erfolg, insgesamt hatte die Sendung 1,07 Millionen Zuschauer ab drei Jahren, davon 0,72 Millionen im Alter zwischen 14 und 49 Jahren. Beim Gesamtpublikum lag der Marktanteil damit bei 3,3 Prozent, bei den Jüngeren waren es immerhin 8,5 Prozent.

Inhaltlich bot das Interview jedoch durchaus einen Mehrwert, fiel über größere Strecken angenehm persönlich aus - vorausgesetzt, der Zuschauer kann Interviewfragen wie "Geht Ihnen der Arsch auf Grundeis?" oder "Braucht man da Eier - oder in Ihrem Fall Eierstöcke?" in einem politischen Interview ertragen. Der Tiefgang ging auf das Konto von Bauerfeind, die bewies, dass auch eine freundliche Plauderei nicht flach sein muss. Im Gespräch mit Baerbock brachte sie interessantere Facetten zum Vorschein, als es manchem harten Journalisten gelingt, dem Politiker X auf die zehnte Nachfrage hin doch immer nur dieselbe einstudierte Kernbotschaft entgegenschleudert. Thilo Mischke, Autor eines Buchs mit dem ziemlich unglückseligen Titel "In 80 Frauen um die Welt", hatte seine liebe Mühe, im Gespräch zwischen Bauerfeind und Baerbock überhaupt eine Frage zu platzieren.

Nach der siebenstündigen Pflege-Doku von Joko und Klaas hat ProSieben mit dem Kanzlerkandidatin-Interview sein bereits angekündigtes Bemühen um seriöse journalistische Inhalte untermauert. Dass in solchen Formaten die Interviewte am Ende von den Fragestellern nicht beklatscht werden sollte, sollten sich die Interviewer für die Zukunft merken. Die Seven.One Entertainment Group will ihre Nachrichten, die bislang von Springers Nachrichtensender Welt bezogen werden, von 2023 an selbst produzieren. Branchengerüchten zufolge soll Linda Zervakis in Unterföhring anheuern, die als Nachrichtensprecherin am Tag der Kanzlerkandidatin-Interviews ihre letzte gemeinsame "Tagesthemen"-Sendung mit Caren Miosga hatte.

Aus epd medien 16/21 vom 23. April 2021

Ellen Nebel