epd Harald Schmidt schlendert über den Bahnsteig von Gleis 2 am Nürtinger Bahnhof und erinnert sich: „Hier stand ich, mit Reisetasche und Plastiktüte und dachte mir: Fahr' ich mal nach Stuttgart und steige ins Showgeschäft ein.“ Das habe unterm Strich ganz gut funktioniert, fügt er grinsend hinzu. Lässiges Understatement, ein nostalgischer, etwas selbstgefälliger Blick zurück auf die Anfänge - so weit ist es also gekommen mit Schmidt, der einst Deutschlands bedeutendster Fernsehunterhalter war. Am 18. August wird er 65 Jahre alt.

Für die SWR-Sendung „Expedition in die Heimat“ hat Schmidt die Schauplätze seiner Kindheit, Jugend und Bühnenausbildung in der schwäbischen Heimat aufgesucht. Der vollbärtige, silberhaarige Schlaks schreitet darin gemessenen Schrittes durch Nürtingen und Stuttgart. Schmidt spielt Orgel, verschreckt den Pförtner des Opernhauses und spricht ältere Damen im Café an. Und wie zur Bestätigung, dass er immer noch auf den Straßen erkannt wird, zeigt der Film Menschen, die ein Selfie mit Harald Schmidt machen wollen. Eigentlich ist alles wie früher, man weiß nicht so recht: Ist das schon Selbstironie oder doch nur Narzissmus?

Aber es ist wahr, es hat „ganz gut funktioniert“. Der in Neu-Ulm geborene Sohn einer katholischen Vertriebenenfamilie hatte es in den 1990er Jahren zum Zentralgestirn der frechen Fernsehunterhaltung gebracht. Jetzt flackert sein Licht nur noch sporadisch auf. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere geriet die Medienrepublik schwer in Wallung, nachdem der Late-Night-Moderator im Jahr 2003 das Ende der „Harald Schmidt Show“ beim Privatsender Sa.t1 und eine „kreative Pause“ verkündete. „Gott ist tot“, behauptete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Der amüsierte Schmidt pappte angeblich die Zeugnisse des gewaltigen Presse-Echos an die Flurwand der Kölner Produktionsfirma Bonito. Und Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) aus Schleswig-Holstein forderte die öffentlich-rechtlichen Sender auf, Schmidt in ihr Gebührenreich zurückzuholen. Bekanntlich mit Erfolg. Schmidt setzte Anfang 2005 seine Late-Night-Karriere im ersten Programm der ARD fort.

Schmidts Fernsehkarriere begann 1988 mit der Moderation der Quizshow „MAZ ab!“. Gemeinsam mit Herbert Feuerstein setzte er zu Beginn der 90er Jahre in der WDR-Show „Schmidteinander“ die Gesetze der gediegenen TV-Abendunterhaltung mit albernem, anarchischem Humor außer Kraft. Es folgte der Erfolg der „Harald Schmidt Show“ bei Sat.1, obwohl die derben Zoten und Attacken auf weibliche Gäste schon damals peinlich waren. Gleichzeitig erntete „Dirty Harry“, Absolvent der Stuttgarter Schauspielschule, viel Beifall, wenn er den Hamlet mit Playmobilfiguren nachspielte. Zwischen 1992 und 2003 hagelte es Preise, den Grimme-Preis, die Goldene Kamera, den Bambi, den Deutschen Fernsehpreis.

Nach dem Ende von „Harald Schmidt“ im Ersten versank der Unterhaltungskünstler Schmidt aus Nürtingen langsam im TV-Nirwana, ab 2011 wieder bei Sat.1, schließlich noch zwei Jahre bei Sky. Für „Spiegel online“ produzierte er später mit dem Smartphone knapp 500 Videokolumnen, eine Art Fortsetzung seiner pointierten Monologe zu Beginn jeder Late-Night-Show: Der Late-Night-Gott geschrumpft aufs digitale Kleinformat.

Wie sehr ihn dieser Abstieg ärgerte, bleibt unklar. Denn Schmidt lässt sich nicht in die Karten schauen, lieber erfindet er ein eigenes Genre: das Harald-Schmidt-Interview - auch eine Show mit pointierten Rundumschlägen zu aktuellen Fragen, garniert mit grotesk übertriebenem Selbstlob. Die Fragesteller werden zu Sidekicks - und fühlen sich dabei geadelt, weil das Ergebnis so unterhaltsam ist. Der „Berliner Zeitung“ sagte Schmidt: „Ich bin eindeutig Deutschlands profilierteste Interviewmaschine.“

Aus epd medien 32/22 vom 12. August 2022

Thomas Gehringer