New Yorks Tote. Nachrufe gegen das große Vergessen

In den USA bekommen viele Opfer der Corona-Pandemie nicht einmal eine Todesanzeige. Die Erinnerung ist hochpolitisch. Donald Trump gibt an, alles im Griff zu haben. Die 22.000 Toten in New York und die mehr als 125.000 landesweit stören dieses Bild. Die schlimmste Zeit des Sterbens in New York war im April, das Fernsehen zeigte Gefrierlastwagen für die Leichen. Gegenwärtig kehrt das Stadtleben vorsichtig zu einer "Normalität" zurück. Der Kampf gegen Covid-19 hat sich stückweise von Intensivstationen auf Reha-Einrichtungen für die Überlebenden verlagert. Unruhig blickt man auf eskalierende Infektionszahlen in Florida, Texas, Arizona und Kalifornien.

Um die toten New Yorker nicht zu vergessen, hat die im April 2019 gegründete, spendenfinanzierte Online-Zeitung "thecity.nyc" ein Erinnerungsprojekt gestartet. Damit solle "das Leben eines jeden Menschen" gewürdigt werden, sagte Terry Parris, einer der Initiatoren, die Toten aus der Stadt sollten nicht untergehen im Nachrichtenzyklus. Die Zeitung publiziert im Internet Nachrufe mit Fotos, Links zu veröffentlichten Todesanzeigen sowie selbst geschriebenen Texten. Für nur etwa fünf Prozent der verstorbenen New Yorker seien während des Corona-Ausbruchs Nachrufe und Todesanzeigen erschienen, sagte Parris. Wenig dokumentiert werde das Schicksal der Verstorbenen aus den am stärksten betroffenen Schichten, darunter Schwarze, Latinos und ärmere Stadtbewohner.

Ana Ortiz ist eine von ihnen. Sie war aus der Dominikanischen Republik eingewandert und starb mit 82 Jahren an Covid-19. Ana Ortiz betreute Menschen mit geistiger Behinderung, heißt es im Nachruf auf "thecity.nyc". Freitags sei sie immer mit ihrer Tochter Patricia chinesisch essen gegangen. Mario "Pipi" Pobega wurde 85 Jahre alt. Der Koreakriegsveteran, ehemals Vorarbeiter bei der Stadtreinigung, war nach Angaben seiner Tochter Fran einer, der sich mit "jedem unterhalten hat". Verkehrspolizist Mohammed Chowdhury (54) stand eine Woche vor der Vollendung seines 30. Dienstjahres. Verona Fraser (70), ursprünglich aus Guyana, sei wegen ihrer Polio-Erkrankung zeitweilig mit dem elektrischen Fahrrad unterwegs gewesen. Sean Hook (23), "stolzes Mitglied der Dienstleistergewerkschaft", war Baseball-Fan und Hundeliebhaber. Ed Fuld (85) war als Dreijähriger auf der Flucht vor den Nazis nach New York gekommen, ein "Ehemann und Vater", der gerne getanzt habe. Rebecca Yee (48) war Krankenschwester. Ihre Mutter Chiu Lin Yee sei ebenfalls an den Folgen von Covid-19 gestorben.

Mehr als 20 Angestellte, Praktikanten und Freiwillige arbeiten an dem Erinnerungsprojekt. Es werde sich hinziehen, sagte Mitinitiator Parris. Bisher seien etwa 1.000 Verstorbene erfasst worden: "Jeder Mensch hat eine Geschichte." Für Hinterbliebene, die Fotos und Erinnerungen beisteuern, sei das Dokumentieren oft ein wichtiger Schritt beim Trauern. US-Präsident Trump redet das Ausmaß der Pandemie unterdessen klein, nur äußerst selten spricht er über die Toten und das Leid. Stattdessen betont er Fortschritte, die er gemacht habe, und die Notwendigkeit, die USA wieder zu "öffnen".

Historikern kommt diese Strategie bekannt vor. Bei der Grippe-Pandemie 1918/19 seien in den USA geschätzt 675.000 Menschen gestorben, erklärte John Barry, Autor des Buches "The Great Influenza". Der damalige Präsident Woodrow Wilson habe "nicht ein einziges Mal" über die Toten gesprochen. Er habe nicht von den Anstrengungen im Ersten Weltkrieg ablenken wollen. Inzwischen gibt es in den USA mehr als drei Millionen bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus. Pro Tag werden mehr als 60.000 Neuinfektionen gemeldet, mehr als jemals zuvor.

Aus epd medien 28/20 vom 10. Juli 2020

Konrad Ege