Nachrichten am Küchentisch. Die "News-WG" des BR

Instagram ist vielleicht das beliebteste Medium der unter 20-Jährigen. Auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind dort aktiv, um die künftigen Beitragszahler an sich zu binden. Seit Mitte 2018 bietet der Bayerische Rundfunk auf Instagram das Nachrichten-Format "News-WG" an. Helene Reiner und Maximilian Osenstätter haben mittlerweile mehr als 30.000 Abonnenten und mit der ehemaligen Mitbewohnerin Sophie von der Tann, die seit Anfang des Jahres im ARD-Hauptstadtstudio arbeitet, sogar eine Korrespondentin in Berlin. Sie ist auch auf dem Instagram-Account der "Tagesschau" zu sehen, der mittlerweile deutlich mehr als 600.000 Follower hat.

Davon ist die "News-WG" noch weit entfernt. Das Publikum dürfte aber auch ein anderes sein. Während die "Tagesschau" auf Instagram ihr Angebot ins Hochformat übersetzt hat und dort "erwachsene" Nachrichten anbietet, zeigt die "News-WG" ihren Followern vor allem Häppchen, die meist direkt an die Lebensrealität junger Menschen anknüpfen. Das Medium scheint dafür prädestiniert. Schließlich sind es häufig die Follower, die den Machern des Kanals Input für neue Berichterstattung geben.

Das Format, das von jungen Menschen für junge Menschen gemacht wird, hat seine größte Stärke in den Interviews über die Story-Funktion: meist mit Menschen, die auf der Plattform bereits eine gewisse Reichweite erlangt haben. Denn mittlerweile wird in sozialen Medien jedes Interessengebiet abgedeckt, für alles gibt es Experten. Etwa eine Anwältin, die auf Instagram die Rechtslage zur Frage "Darf ich mit Kollegen über mein Gehalt sprechen?" erläutert. Natürlich inklusive Link zum Interview-Partner.

Überhaupt läuft der Großteil der Berichterstattung über "Stories" ab. In denen werden dann in Instagram-typischer kumpelhafter Manier etwas vereinfacht Sachverhalte vom Krieg im Jemen über den Brexit bis zum Paragraf 219a erklärt. Das bringt allerdings auch Probleme mit sich, etwa das rein praktische, dass geschriebene Informationen zu schnell wieder verschwinden. Zu jeder Story wird zwar auch ein Post abgesetzt, der die wichtigsten Punkte noch einmal nennt, dabei aber vor allem auf die Story verweist.

Unweigerlich läuft man auf Instagram Gefahr, ernste Themen ohne böse Absicht unangemessen darzustellen. Da ist auch die "News-WG" leider keine Ausnahme: Ein Schieberegler, auf dem man mittels eines weinenden Smileys angeben kann, wie traurig man den Krieg im Jemen findet, wirkt mindestens unangebracht, wenn nicht gar zynisch.

Solche Gedankenlosigkeit fällt besonders ins Gewicht, wenn Stories eine hohe Reichweite erzielen. Die Like-Zahlen unter den Posts der "News-WG" lassen allerdings auf das Gegenteil schließen: "Harte" Nachrichtenthemen, wie die angesprochenen Krisen im Jemen oder Venezuela, erhalten durchgängig die wenigsten Likes. Selbst ein Post zum Geburtstag von "News-WG"-Bewohner Osenstätter kommt innerhalb kürzester Zeit auf das Dreifache an Zustimmung. Am beliebtesten sind Posts mit direktem Bezug zum Leben des Publikums. Etwa wenn ausgehend von der Frage, ob man schon einmal Leitungswasser im Restaurant bestellt hat, über die neuen europäischen Richtlinien zu Plastikflaschen berichtet wird.

Die Hoffnung, dass man mit diesen Formaten recht einfach jüngere Menschen für "echte" Nachrichten begeistern kann, bleibt leider unerfüllt. Hoffentlich bringt das die "News-WG" nicht dazu, ihr Angebot zu stark an den Wünschen des Publikums auszurichten.

Aus epd medien 17/19 vom 26. April 2019

Felix Nau