Muster für Investigativjournalismus. 50 Jahre nach My Lai

Vor 50 Jahren deckten US-Medien einen Vorfall auf, der heute für Kriegsgräuel schlechthin steht: Die kleine Nachrichtenagentur Dispatch News Service berichtete über das von US-Soldaten im März 1968 angerichtete Massaker an rund 500 Menschen in dem südvietnamesischen Dorf My Lai. Dutzende Zeitungen, darunter "Chicago Sun-Times", "Philadelphia Bulletin" und "St. Louis Post-Dispatch", druckten die Texte, die ein neues Licht auf den Krieg warfen. Autor war ein 32-jähriger Freiberufler namens Seymour Hersh, der zuvor für Associated Press (AP) und als Pressesprecher des erfolglosen Präsidentschaftsanwärters und Kriegsgegners Eugene McCarthy gearbeitet hatte.

"Leutnant William L. Calley (26) ist ein bescheiden auftretender, jungenhafter Vietnam-Kriegsveteran mit dem Spitznamen 'Rusty'". So begann in Zeitungen am 13. November 1969 der erste von drei Hersh-Artikeln. Die US-Army schließe gegenwärtig Ermittlungen zu Beschuldigungen ab, wonach Calley im März 1968 "vorsätzlich mindestens 109 vietnamesische Zivilisten ermordet habe", hieß es weiter.

In seinen Erinnerungen erzählt Hersh über seine mühsame Suche nach Calley. Er habe Telefonbücher gewälzt, endlos Anrufe getätigt, an Türen geklopft. Im Army-Stützpunkt Fort Benning habe er einen Soldaten angesprochen, der gerade einen PKW repariert habe. Ja, er kenne Bill Calley, sagte der Mann. Eine Stunde später tauchte Calley auf. "Ich wollte ihn hassen, aber stattdessen fand ich einen verängstigten jungen Mann", notiert Hersh. Es folgte eine durchzechte Nacht, Hersh hatte seine Geschichte. Die Magazine "Life" und "Look" wollten den Text mit den erschütternden Enthüllungen allerdings nicht haben.

Hersh entschied sich daher für Dispatch News Service, eine kurz zuvor gegründete "Anti-Kriegsagentur" - denn hier würde niemand die Texte umschreiben. Die Agentur verlangte 100 Dollar von jeder Zeitung, die Beiträge druckte. Hersh hat weiter recherchiert und geschrieben und einen Tatzeugen, den Veteran Paul Meadlo, an den Fernsehsender CBS für ein Interview vermittelt. "Das hat die Geschichte groß gemacht, weil er im Fernsehen war", sagte Hersh später. Das CBS-Interview lief am 24. November 1969.

Die GIs hätten Dorfbewohner zusammengetrieben, sagte Meadlo in die Kamera. Calley habe auf die Menschen geschossen. Er, Maedlo, ebenfalls, auf Befehl: "Ich habe möglicherweise zehn oder fünfzehn von ihnen getötet." Der CBS-Interviewer fragte: "Männer, Frauen und Kinder... und Babys"? Meadlo: "Und Babys." Später hat Meadlo kaum mehr mit Medien gesprochen. Zehn Jahre nach dem CBS-Interview sagte er einem Reporter der "Washington Post", der Moderator Mike Wallace habe die Fragen so schnell gestellt, dass er keine Zeit zum Nachdenken gehabt habe.

Es war eine Zeit des Umdenkens, die Zweifel am Vietnam-Krieg nahmen zu. Das zeigte sich auch in den Medien, die bis Ende der 60er Jahre weitgehend regierungstreu berichteten. Doch bereits die dramatischen Bilder vom vorübergehenden Sieg der Vietcong-Befreiungsfront bei der "Tet Offensive" Anfang 1968 hatten die US-Leitmedien verunsichert. CBS-Nachrichtenchef Walter Cronkite sagte damals: "Von einer Pattsituation zu sprechen ist der allein richtige, wenn auch unbefriedigende Schluss. Es wird immer klarer, dass wir verhandeln sollten."

Hershs Beiträge, die als Muster für investigative Recherche gelten, wurden mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Der Krieg freilich dauerte noch Jahre an. Erst 1975 mussten die Repräsentanten der USA aus ihrer Botschaft im von Nordvietnam eroberten Saigon fliehen. Im konservativen Amerika kam die These auf, "die Medien" hätten mit zersetzender Vietnam-Berichterstattung Amerika geschwächt. Das zeigt: Die heutigen Beschwerden über angebliche Fake News sind nicht neu.

Aus epd medien 46/19 vom 15. November 2019

Konrad Ege