Mord ohne Aussicht. Wie die ARD eine Serie ruiniert

epd Wie man ein weltberühmtes Gedicht durch eine lieblose Nacherzählung ruinieren kann, schildert Daniel Kehlmann in einer Anekdote seines Buchs „Die Vermessung der Welt“. Der polyglotte Alexander von Humboldt wird da auf seiner Südamerika-Reise von einem Begleiter gebeten, eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte kenne er nicht, entgegnet Humboldt, aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt: „Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig und bald werde man tot sein.“ Humboldts Begleiter sind erst einmal sprachlos und fragen dann nach, ob das alles war. Die Anekdote zeigt sehr schön, dass es die Form ist, die eine gute Erzählung ausmacht.

Ähnlich dürr ließe sich auch der Plot der Fernsehserie „Mord mit Aussicht“ referieren: Eine ehrgeizige Kommissarin wird aus der großen Stadt Köln in ein kleines Eifeldorf strafversetzt. Ihre neuen Kollegen, die Dorfpolizisten, wollen eigentlich nur ihre Ruhe haben und sind von der übereifrigen Chefin wenig begeistert. Doch erstaunlicherweise passieren in der Umgebung des Ortes ständig irgendwelche merkwürdigen Morde, die die Kommissarin mit viel Elan und der gutwilligen, aber manchmal etwas trägen Unterstützung ihrer Kollegen aufklärt.

Auch dieser Plot macht, so erzählt, zunächst einmal ratlos und lässt eine schlimme Stadt-Land-Klamotte befürchten. Das Ereignis war, wie in „Mord mit Aussicht“ Caroline Peters als Kommissarin Sophie Haas, Bjarne Mädel als Polizeiobermeister Dietmar Schäffer, Meike Droste als Polizistin Bärbel Schmied und Petra Kleinert als Schäffers Frau Heike ihre Rollen ausfüllten. Sie spielten ihre Charaktere mit so viel Witz, Charme und Würde, dass die ARD-Serie vor 14 Jahren zu Recht zur Kultserie avancierte. Die Dialoge waren auf den Punkt, das Timing stimmte, es war ein großes Vergnügen zuzusehen, wie hier mit den Klischees der Dorftrottel und der arroganten Großstädterin gespielt wurde, um sie genussvoll zu demontieren.

Doch nach drei Staffeln war 2014 Schluss. Bjarne Mädel sagte damals der „Süddeutschen Zeitung“, dass die Serie von der ARD lieblos behandelt worden sei. Die Budgets und vor allem die Drehzeiten seien immer weiter zusammengestrichen worden.

Nun aber will die ARD an die alten Erfolge anknüpfen und sendet eine vierte Staffel aus dem fiktiven Eifel-Dorf Hengasch im Kreis Liebernich. Damit beweist sie vor allem, dass man dieselbe Geschichte auch schlecht erzählen kann. Von den einstigen Hauptdarstellerinnen ist nur Petra Kleinert geblieben, die als „heimliche Herrscherin“ von Hengasch ohne starken Gegenpart ziemlich in der Luft hängt. Die arme Katharina Wackernagel versucht tapfer, die taffe Kommissarin Marie Gabler zu geben, doch ihr Grimassenspiel ist nur ein müder Abklatsch von Caroline Peters' legendärem Gesichtskino.

Statt Dietmar Schäffer sitzt nun Heino Fuß in der Polizeiwache, ein alleinerziehender Vater, der sich auch im Dienst stets für das Sozialleben des Dorfes einsetzt. Sebastian Schwarz spielt verzweifelt gegen die Atze-Schröder-Perücke an, die ihm aufgesetzt wurde, aber das Buch und die Witze mit Namen lassen ihm wenig Chancen. Noch schlimmer hat es Eva Bühnen getroffen, die als Kommissaranwärterin Jennifer Dickel offensichtlich die Regieanweisung bekommen hat, dass sie Meike Droste spielen soll - nur noch naiver.

Die Fälle sind nun genau das, was man gern abschätzig „provinziell“ nennt, dabei hatten die ersten drei Staffeln der Serie doch gezeigt, dass Landkrimis nicht immer putzig und bieder daherkommen müssen. „Mord mit Aussicht“ ist damit auf dem Niveau der Schmunzelkrimis aus dem ARD-Vorabend angekommen. Die verzweifelte Zuschauerin kann da nur mit Dietmar Schäffer kopfschüttelnd seufzen: „Mann, Mann, Mann ...“

Aus epd medien 14/15 vom 8. April 2022

Diemut Roether