Mitten im Leben. Journalismus für die Generation Snapchat

Recycling, das Wort trendet. Die Modebranche wirbt damit genauso wie Gartencenter und Verpackungshersteller. Aus Alt mach Neu ist mittlerweile sexy. Auch die Medienbranche beteiligt sich, strickt aus Multimedia-Reportagen ein Lesestück für die Zeitung oder aus Youtube-Videos einen neuen Snapchat-Kanal, wie der WDR es nun tut. Werben lässt sich damit allerdings nicht so gut. Denn mit der Ankündigung: "Hey, wir haben da vor nem Jahr schon mal was produziert und das arbeiten wir jetzt noch mal für ne andere Plattform um" lassen sich in einer Branche, die auf Neuigkeiten ausgerichtet ist, zunächst mal keine Lorbeeren ernten. Deshalb wurde der Recycling-Aspekt wohl auch in der Pressemitteilung zum Start des neuen Snapchat-Kanals von "Reporter" Anfang März nicht betont.

Das vom WDR produzierte Format "Reporter" (ehemals #WDR360) ist Teil des jungen, öffentlich-rechtlichen Content-Netzwerks Funk. Das Format ist schnell erklärt: Eine Presenterin oder ein Presenter führt durch ein kurzes, reportagiges Video, testet selbst etwas oder nimmt die Nutzerinnen mit bei einer Recherche zu einem Politik- oder Gesellschaftsthema. Und das gibt es jetzt eben auch bei Snapchat.

Ob das nun Upcycling oder Downcycling ist, liegt im Auge des Betrachters. Denn Snapchat besitzt eine eigene Logik, die den meisten Mediennutzern über 25 Jahren in etwa so vertraut ist wie einem Okapi die eines Waffeleisens. Die Faszination liegt vor allem in der Unmittelbarkeit. Die jungen Nutzer - in Deutschland sind 72 Prozent von ihnen jünger als 25 Jahre - sind es gewohnt, blitzschnell auf Snaps zu reagieren: Sie haben 300 Selfies mit Hundegesicht-Filter schneller hin und her geschickt, als die Generation 30 plus ein Bild bei Instagram hochlädt. Snapchat ist deutlich schneller und konzentrierter als Youtube, virulenter als Facebook, visueller als Twitter und weniger inszeniert als Instagram.

In diesem Content-Wirbel müssen Inhalte noch stärkeren Klick- bzw. Touch-Anreiz haben, als bei Facebook oder Twitter. Kleine Kostprobe: "Leas erstes Mal mit 14 war traumatisch. So geht sie damit um" ("Spiegel Online"), "Sie stieß ihre Freundin von der Brücke - und wird jetzt bestraft" ("Bild"), oder "Saufen Student*innen wirklich jeden Tag?!" (1Live).

Damit die ursprünglich für Youtube produzierten "Reporter"-Videos auch bei Snapchat funktionieren, werden sie upgecycelt: Sie bekommen eine andere Dramaturgie und neue Sequenzen, in denen die Presenter ihre Reportagen vor einem Greenscreen, auf dem Schriftzüge oder Emojis eingeblendet werden, kommentieren. So kommt ein Hauch von der angesprochenen Snapchat-Unmittelbarkeit in das Format.

Spätestens jetzt werden einige die Augen verdrehen und denken: "Wieder so ein neumodischer Quark ohne Informationswert." Das ist aber, wie häufig bei altersbedingter Medienskepsis, zu kurz gedacht. Einiges bei Snapchat ist natürlich Grütze. Wer deshalb aber Snapchat-Formate grundsätzlich für lächerlich hält, ist vorschnell und ignorant. So ist die erste "Reporter"-Folge "Ballett als Schulfach - So hart ist es wirklich" im Grunde genommen ein Plädoyer dafür, die eigenen Lebenswünsche mit Fleiß und Stolz zu verfolgen, auch wenn gesellschaftliche Normen dagegen sprechen.

In Folge drei mit dem Titel "Die Stoffwechselkur hat mich krank gemacht" recherchiert Reporterin Lisa die Gesundheitsrisiken einer durch Instagram-Influencerinnen promoteten Kur. Und in Folge sieben "Seine Klamotten kosten über 25.000 Euro" erklärt Timm, wie ein Hype um Marken und Kleidungsstücke entsteht. Die "Reporter" schaffen es, die Generation Snapchat in ihrer Lebensrealität abzuholen und deren Themen kritisch einzuordnen. So stehen sie schließlich mit mehr Plan in der Realität, als ein Okapi vor einem Waffeleisen.

Aus epd medien 14/19 vom 5. April 2019

Nora Frerichmann