Mitmarschiert. Der "Kicker" untersucht seine NS-Vergangenheit

epd Vor zwei Jahren feierte die Sportzeitschrift „Kicker“ ihr 100-jähriges Bestehen. Für Redaktion und Verlag war das Jubiläum ein Anlass, eine wissenschaftliche Studie zur Rolle des Fußball-Fachblatts im Nationalsozialismus in Auftrag zu geben. Das Ergebnis ist jetzt unter dem Titel „Einig. Furchtlos. Treu. Der 'Kicker‘ im Nationalsozialismus - eine Aufarbeitung“ erschienen, herausgegeben von den Sporthistorikern Lorenz Peiffer und Henry Wahlig. Laut Verlagsgeschäftsführerin Bärbel Schnell und Chefredakteur Jörg Jakob nimmt das Buch „die Haltung der stramm mitmarschierenden Fachzeitschrift“ unters Brennglas.

Wie stramm mitmarschiert wurde, zeigt beispielsweise ein Artikel, der nach dem „Anschluss“ Österreichs im „Kicker“ erschien. „Der erste Repräsentant des deutschen Volkes hat sich die Macht und die Kraft verschafft, deutsche Volksgenossen, die jenseits einer Grenze lebten, zu befreien und heimzuführen ins große Deutsche Reich“, hieß es in dem Text, der nichts anderes als ein Loblied auf Adolf Hitler war.

Die Autorinnen und Autoren des Bands konnten auf sämtliche Artikel zurückgreifen, die zwischen 1933 und 1945 im „Kicker“ veröffentlicht wurden. Bemerkenswert ist die Vielfalt der Perspektiven: Der Germanist Simon Meier-Vieracker, der den Blog „fussballlinguistik.de“ betreibt, analysiert die Sprache des Magazins während der NS-Zeit, die Kunsthistorikerin Karin Rase untersucht die Ästhetik der Karikaturen. Der „Auslandsberichterstattung des ‚Kicker‘ im Spiegel der NS-Expansionspolitik“ sind gleich mehrere Beiträge gewidmet. Das ist verdienstvoll, denn der Sportjournalismus in der NS-Zeit wurde bisher kaum erforscht.

Essenziell ist ein Beitrag der Autoren Thorben Pieper, Christopher Kirchberg und Marcel Schmeer. In ihrem Text geht es um Entnazifizierungsverfahren von Journalisten, die während der NS-Zeit oder danach oder in beiden Phasen „Kicker“-Mitarbeiter waren. Sie hätten sich, so das Autorentrio, in diesen Verfahren „oftmals als dezidiert unpolitisch inszeniert“ - was sich mit den zahlreichen politischen Texten, die in „Einig. Furchtlos. Treu“ analysiert werden, kaum in Einklang bringen lässt.

Pieper, Kirchberg und Schmeer stellen in ihrem Beitrag auch die zentrale Rolle heraus, die Friedebert Becker in der Zeit der Entnazifizierung spielte. Er war ab 1941 „Hauptschriftleiter“, also Chefredakteur, beim „Kicker“ und ab 1951 Herausgeber. Becker war nicht Mitglied der NSDAP gewesen, weshalb er prädestiniert war, für mit ihm vernetzte belastete Kollegen „Persilscheine“ auszustellen - von denen diese dann in den Entnazifizierungsverfahren profitierten. Die Kontakte, die sich durch dieses Netzwerk um Becker bildeten, kamen letztlich auch beim Wiederaufbau des „Kicker“ zum Tragen.

Die Herausgeber Peiffer und Wahig hatten bereits 2016 mit dem Buch „Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland“ Pionierarbeit geleistet. Gemeinsam mit ihren Autorinnen und Autoren ist ihnen nun zum Thema Journalismus und Nationalsozialismus eine ähnlich gründliche Analyse gelungen, wie sie 2014 der Kulturwissenschaftler Tim Tolsdorff unter dem Titel „Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern. Zwei deutsche Illustrierte und ihre gemeinsame Geschichte vor und nach 1945“ vorlegte. Tolsdorff erforschte in dieser Dissertation die bis dahin kaum untersuchten Gemeinsamkeiten zwischen der 1938 und 1939 in Hannover erschienenen existierenden Film- und Kulturillustrierten „Stern“ und dem 1948 in Hamburg gegründeten Magazin gleichen Namens. Das Buch „Einig. Furchtlos. Treu“ dürfte für alle Leser, die sich mit dem Journalismus im Nationalsozialismus beschäftigen, inspirierend sein - unabhängig davon, ob sie sich für Sportjournalismus oder Fußball interessieren.

Aus epd medien 18/22 vom 6. Mai 2022

René Martens