Mit voller Wucht. Bryan Cranston und die Serie "Your Honor"

Er hockt nachts an einer Theke und kippt sich Whiskey rein. Das Gesicht ist knitterig und fahl, die Augen sind glasig. Er spricht einen anderen Kneipenzombie an, wie zufällig. Sie reden halb lallend über zerbrochene Beziehungen und das ungerechte Leben. Das Ganze ist allerdings - was für die Zuschauer nicht sofort zu erkennen ist - eine Inszenierung des Mannes, der Schlechtes tut, um Gutes für seine Familie zu bewirken. Kennt man? Kennt man! Walter White ist wieder da, pardon, Bryan Cranston. Gut sieben Jahre nach dem Ende von "Breaking Bad" ist der mittlerweile 64-Jährige in "Your Honor" endlich wieder in einer Serienhauptrolle zu sehen.

Cranstons Figur heißt diesmal Michael Desiato und ist Richter in New Orleans. Er residiert zusammen mit seinem Teenagersohn Adam in einem hübschen Haus am Rande von New Orleans, beide haben den gewaltsamen Tod der Ehefrau und Mutter noch nicht verarbeitet. Ein weiterer Schicksalsschlag trifft die Familie, als Adam nach einem Unfall in Panik Fahrerflucht begeht - und sich herausstellt, dass das Opfer der Sohn eines großen Unterweltbosses ist. Cranston alias Desiato muss in der Folge wieder die gesamte Trickkiste der Täuschung ausreizen, um Spuren zu beseitigen und Polizei und Justiz auf falsche Fährten zu locken. Das ethische Dilemma spiegelt sich in allen Facetten in seinem Gesicht.

Es ist eine Paraderolle für den mehrfachen Emmy-Preisträger, den vor "Breaking Bad" eigentlich kaum jemand kannte, obwohl er seit 1980 im Schauspielgeschäft ist. Cranston ist mittlerweile eine Marke, wie es früher vielleicht einmal Robert De Niro war. Er spielt nicht unbedingt immer denselben Typus, aber er füllt seine Charaktere stets mit bestimmten Eigenschaften auf. Knorrig, vom Leben gegerbt, zuweilen autoritär, aber auch zu viel Empathie fähig. Die Figuren können eher auf der guten Seite stehen wie der Zollermittler Mazur im Spielfilm "The Infiltrator" (2016) oder eher auf der schlechten wie der Gangster Lonigan in der Amazon-Serie "Sneaky Pete" (seit 2015), aber Cranston verleiht ihnen stets eine interessante Ambivalenz. Dank der kongenialen Synchronisation durch Joachim Tennstedt behält seine markige Stimme auch im Deutschen ihre volle Wucht.

"Your Honor" wird vom US-amerikanischen Bezahlsender Showtime produziert, dem das moderne Serienfernsehen unter anderem die irre dritte Staffel von David Lynchs "Twin Peaks" verdankt. In Deutschland läuft die Serie bei Sky - im Rhythmus von einer Folge pro Woche, bisher waren vier zu sehen. Sie ist allerdings kein Original, sondern basiert auf der Serie "Kvodo" des israelischen Satellitenanbieters Yes. In der US-Adaption steckt einiges an deutscher Kreativität: Der aus Wolfsburg stammende Regisseur Edward Berger ("Deutschland 83", "Patrick Melrose") inszenierte die ersten drei Folgen auf einem sehr hohen bildsprachlichen Niveau, und der Komponist Volker Bertelmann aka Hauschka steuerte einen überaus eindringlichen und suggestiven Score bei.

Inzwischen wurde bekannt, dass ARD und ORF den Stoff auch ins deutschsprachige Gebiet übertragen. Mitte Januar haben in Wien und Innsbruck die Dreharbeiten für die sechsteilige Serie "Euer Ehren" begonnen. Die Hauptrolle des Richters übernimmt Sebastian Koch - was eine etwas andere Interpretation der Figur erwarten lässt als in der US-Version. In Frankreich arbeitet der Privatsender TF1 an einer Variante mit Kad Merad als Richter und Gérard Depardieu als Mafioso: ebenfalls spannend. Besonders schön wäre es allerdings, wenn ein in Deutschland empfangbarer TV- oder Streaminganbieter auch mal das israelische Original ins Programm nehmen würde.

Aus epd medien 6/21 vom 12. Februar 2021

Michael Ridder