Mit Leidenschaft. Zum Tod von Peter Rüchel

Sein Stuhl im Café Printen-Schmitz in Köln blieb in letzter Zeit öfter leer, mancher Plausch musste ausfallen. Nun ist Peter Rüchel im Alter von 81 Jahren gestorben. Wie kaum einer hat er im Alleingang Spuren im Großbetrieb Fernsehen hinterlassen. Er war kein Redakteur oder Redaktionsleiter nach dem Motto "graue Maus im Sender, sogenanntes Alphatier draußen", er war ein Freund, eine Autorität, einer, der unverdrossen für seine Leidenschaften arbeitete.

Die größte Leistung: Nachdem der "Rockpalast", seine legendäre Erfindung, der irgendwann die Zuschauer verloren gingen, abgesetzt worden war und die Abgesänge verklungen waren, begann er über ein Comeback nachzudenken. Und das gelang ihm auch.

Die erste Station des gebürtigen Berliners war die Radiosendung "S-F-Beat" beim SFB. Später gestaltete Rüchel beim ZDF das erste Jugendmagazin des Senders, "Direkt", das nicht nur wegen seiner Aufmüpfigkeit die Geschäftsleitung häufiger beschäftigte und - wie man heute sagen würde - für Gesprächsstoff sorgte. Dann kam der WDR, wo er 1976 ein Jugendprogramm von einer halben Stunde leitete und schließlich zusammen mit Christian Wagner den "Rockpalast" aus der Taufe hob.

Die Sendung, in der weltbekannte Rockbands wie die "Rolling Stones" und "Dire Straits" auftraten, erlangte schnell Kultstatus, nicht zuletzt, weil Rüchel Stars wie U2 oder REM entdeckte und bekanntmachte. Sie erreichte aber selten entsprechende Quoten. So wurde der "Rockpalast" 1986 eingestellt, obwohl man Bände mit den Stars füllen könnte, die dort auftraten. Gut zehn Jahre später erweckte Rüchel die Sendung erneut zum Leben, erst aus dem Archiv, dann live, mit Loreley und ohne. Rockpalastnächte zum Erwachsenwerden.

Man muss nur die Fotobände durchblättern oder die Erinnerungen hören: Ob Quote oder nicht, das war das Highlight einer Generation, das war Rockmusik pur, Erlebnisse, wie das Fernsehen sie selten initiiert hat. Leider hat man es nicht vermocht, das zu pflegen und zu steigern.

"Peter Rüchel war einer der großen Erzieher meiner Generation" schrieb Heinz Rudolf Kunze über ihn. Hans Hoff bewunderte in der "Süddeutschen Zeitung" den "alten Enthusiasmus des ewigen Fans". "Die frühen ,Rockpalast'-Konzerte wirkten wie eine Feier der Unschuld", sagt Rolf Bier, der an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart für den künstlerischen Nachwuchs verantwortlich ist. Für ihn waren "die Rockpalast-Konzerte Höhepunkte kollektiver Geschmacksbildung".

Der Blick auf eine Lebensleistung wie die von Peter Rüchel lässt Nachdenklichkeit aufkommen: Brauchen wir wirklich keine Fachleute in den Sendern, nur Vermittler? Reicht es, wenn wir das abspielen, was die Musikindustrie so bringt? Der Sinn des Öffentlich-Rechtlichen war sicher nicht, die Kreativität outzusourcen. Peter Rüchel hinterlässt uns ein Bild von Sendern mit "Hierarchen" (im WDR hießen sie mal Säulenheilige) und Redakteuren, die ihre Möglichkeiten ausreizen, sich und andere fordern und zeigen, dass Qualität nicht nur einen Sendeplatz hat, sondern ganze Programme beleben kann.

Aus epd medien 9/19 vom 1. März 2019

Michael Schmid-Ospach