Mit Latexhandschuhen. Grimme-Preisverleihung als Reportage

Georg Restle ist ein Mann der klaren Worte. "Weitere Plauderstündchen mit Höcke&Co.? Geht gar nicht!", twitterte der WDR-Journalist und "Monitor"-Redaktionsleiter einige Tage vor dem MDR-Interview mit dem Thüringer AfD-Fraktionschef. Auch wenn der MDR auf Kritik mit dem Hinweis reagierte, es handele sich "um keinen Sommerplausch, sondern um ein Interview im Rahmen einer Reihe mit Thüringer Spitzenpolitikern": Der Verlauf des gut halbstündigen Interviews mit Björn Höcke am 25. August bestärkte all jene in der ARD, die solche Talks für gefährlich halten. Gut vorbereitete Fragen zu stellen, bedeutet nicht, auch brauchbare Antworten zu bekommen.

Für seine "kontinuierliche und haltungsstarke Berichterstattung über Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus" hat Restle jetzt den Grimme-Preis erhalten - stellvertretend für das Team von "Monitor". Der Redaktionsleiter verdeutliche, "dass die Bedrohung für die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte real und gefährlich ist", lobte die Jury, aber er verfalle nie in Panik. Auf die Übergabe der bereits im Januar zugesprochenen Grimme-Trophäe musste Restle lange warten - erst machte der Beginn der Covid-19-Pandemie die ursprünglich für den 27. März geplante Gala im Marler Theater zunichte, dann platzte aufgrund des anhaltenden Großveranstaltungsverbots auch der vom Grimme-Institut optimistisch für den 21. August angesetzte Ersatztermin.

Die Preisverleihung fand nun in Form einer Reportage auf 3sat statt, in der "Aspekte"-Moderator Jo Schück als Presenter fungierte. Schück gilt manchen als der "Alexander Bommes des Kulturjournalismus", wozu Mimik und Gestik tatsächlich stark beitragen, und es hat auf den ersten Blick etwas sehr Künstliches, wenn der 39-Jährige im Auto durch die Prignitz oder im Boot über einen Brandenburger See fährt, um anschließend einem Preisträger mit Latexhandschuhen die begehrte Statuette zu übergeben. Es war aber auch Schücks Verdienst, dass die Sendung weitgehend funktionierte und sowohl Kurzweil als auch politische Denkanstöße lieferte. Die Übergänge zwischen den formal und inhaltlich sehr unterschiedlichen Gewinnerproduktionen meisterte er elegant.

Profitieren konnte Schück von einigen besonders interessanten Gesprächspartnern, darunter Georg Restle, der auch die freien Mitarbeiter des "Monitor"-Teams als essenziell würdigte. Mit NDR-Reporterin Nadia Kailouli, die für die Berichterstattung des Senders über die "SeaWatch 3" mitverantwortlich war, entspann sich ein erhellendes Gespräch über Journalismus und Aktivismus. Und Iris Berben - ausgezeichnet für die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehfilm "Hanne" - reflektierte über Filmproduktion und Schauspielerei unter Corona-Bedingungen. Derart intensive Gespräche sind bei den traditionellen Galas im Theater Marl, wo in sehr kurzer Zeit sehr viele Trophäen überreicht werden müssen, nicht möglich.

Wenn dann doch etwas störte an dieser speziellen Preisverleihung, dann war es die Unwucht zwischen den Preiskategorien. Je fünf Auszeichnungen gab es dieses Jahr in der Fiktion und bei Information & Kultur, je drei in den Kategorien Unterhaltung und Kinder & Jugend. Hinzu kamen der Publikumspreis und die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbands. Wohl aus Zeitgründen drückte Schück aber nur in neun von diesen 18 Fällen einem Preisträger die Trophäe in die Hand, wobei die Unterhaltung im Verhältnis am besten wegkam: Sowohl Nicolas Puschmann, Protagonist der Schwulen-Datingshow "Prince Charming", als auch ProSieben-Entertainer Klaas Heufer-Umlauf erhielten viel Sendezeit. In der Fiktion fehlten dagegen - wie in der Information - bei drei Produktionen vertiefende Gespräche und Einblicke. "Geh schleich di!" von Nicholas Ofczarek aus der Sky-Ausnahmeserie "Der Pass" hätte man da nur zu gerne noch einmal gehört.

Aus epd medien 35/20 vom 28. August 2020

Michael Ridder