Mit der Rolltreppe in den Himmel. In memoriam Thomas Bergmann

"Giftzwerge - mit bösem Gruß vom Nachbarn", so hieß der erste Film von Mischka Popp und Thomas Bergmann, den ich gesehen habe. Eine Fernsehdokumentation über Menschen, die wegen Lappalien gegeneinander prozessieren und einander das Leben zur Hölle machen, mit unvorstellbarem Einsatz. Ein Computerfachmann aus Ratingen hat in die Brandmauer zum Nebenhaus ein halblaut gestelltes Radio eingemauert, so dass der verhasste Nachbar monatelang nicht schlafen konnte. Die realsatirischen Erkundungen sind von bizarrer Komik, doch das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Ein unbequemer Film, der heute nicht einmal mehr auf ZDFinfo laufen würde. Damals aber, 1990, strahlte ihn die ARD um 20.15 Uhr aus.

Thomas zeigte mir "Giftzwerge" am Schneidetisch. Ihre Arbeiten, so erzählte er, wurden strukturiert von Peter Przygodda, einem Schnittmeister der alten Schule, der Filmen von Wim Wenders und Reinhard Hauff seinen Stempel aufgedrückt hatte. Den Dokumentationen von Popp & Bergmann gab er jenen unverwechselbaren Duktus, der deutlich hervortrat in "Herzfeuer" von 1992. Den Stil dieses Films bezeichnete Thomas als "japanisch, mit kleinen Frechheiten". Unscheinbare Menschen, die einem auf der Straße kaum auffallen würden, sprechen vor schwarzem Hintergrund entspannt über ein breites Spektrum sexueller Vorlieben. Heute würde man so etwas als "divers" bezeichnen. Der verantwortliche Redakteur war darüber so irritiert, dass er den eigentlich für 20.15 Uhr vorgesehenen Film in die Nachtschiene verbannte.

In der Folge wurden die unter anderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Filme der langjährigen Lebenspartner, die seit 1973 zusammen arbeiteten und seit 1983 mit der Firma Pilotfilm als unabhängige Produzenten auftraten, ruhiger und melancholischer. "Kopfleuchten" (1998) erkundet den schmalen Grat zwischen Normalität und neurologischer Störung. "Augenlied" (2002) spürt der Wahrnehmungsweise von Blinden nach. Und "90 Jahre plus" (2005) ist eine Meditation über das Altern.

Dazwischen: Zahlreiche Auftragsarbeiten wie "Johnny, der Heizer" über einen Alleinunterhalter und "Higgs" über das sogenannte "Gottesteilchen", nach dem Physiker der Genfer Organisation für Kernforschung fahndeten. Mit eingesprochenen literarischen Zitaten und diskret inszenierten Bildern hat Thomas immer wieder eine Atmosphäre unterstrichen. Schon in dem Programmkino-Hit "Die potemkinsche Stadt" (1988), einer Kritik an der seelenlosen Architektur von Trabantenstädten, gab es diskret inszenierte Szenen. Puristischen Dokumentarfilmern erschien dies verdächtig. Auf der Duisburger Filmwoche kam es seinerzeit zu Diskussionen.

Nach "Mazel Tov" von 2009, einem Projekt über russisch-jüdische Migranten, die sich erstaunlich lautlos integrierten, wurde es stiller. Kämpfe mit TV-Redakteuren, die überwiegend durchformatierte Filme erwarteten, waren nicht mehr zu gewinnen. Im Internet findet man kaum etwas über Thomas. Seine Art zu denken und ein Wikipedia-Eintrag passen nicht zusammen.

Thomas Bergmann, 1943 geboren, hatte Ethnologie studiert und Literatur geliebt. Wir sprachen über E. M. Cioran, Maurice Blanchot, Wenedikt Jerofejew, Daniil Charms und über das Fernsehen. Wie kann man als passionierter Leser des Jazz-Verächters Adorno dennoch Jazz hören? Freunde berichten, dass Thomas ziemlich gut am Klavier war. Sein Altersideal, erzählte er einmal, waren die beiden Meckergreise aus der "Muppet Show". Als Verbeugung vor Waldorf und Statler veröffentlichte er 2014 "Zacher und Knoll". In lakonischem Stil, eine Mischung aus Samuel Beckett und Matthias Beltz, erzählt er von einem Mann, der mit der Rolltreppe in den Himmel fährt. Dort ist er nun angekommen. Am 9. März ist verstorben.

Aus epd medien 11/19 vom 15. März 2019

Manfred Riepe