Mit dem Holzhammer. Ein schwuler Jesus auf Netflix

Jesus ist schwul und hat keinen Bock auf die Rolle als Erlöser. Gott ist ein Schürzenjäger, der sich hinter der Identität eines "Onkel Vittorio" versteckt und scharf auf Maria ist. Die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar sind keine Weisen, sondern Trottel, die durch eine Weihnachtsgeschichte stolpern, die sie nicht verstehen. Alles Blödsinn?

Alles Blödsinn, definitiv. Die brasilianische Produktionsfirma Porta dos Fundos hat für Netflix ein Weihnachtsspecial gedreht, dem nichts heilig ist. 46 Minuten dauert die Satire, in der Jesus - zurückgekehrt aus der Wüste - seiner Familie seinen neuen Freund vorstellt. In Brasilien löste "The First Temptation of Christ" bereits im Dezember einen Proteststurm aus: Die Filmemacher wurden von evangelikalen Gruppen beschimpft, das Firmengebäude mit Molotow-Cocktails beworfen.

Auch das katholische Don-Bosco-Zentrum in Brasilien war entrüstet und befragte den US-Kardinal Raymond L. Burke zu dem "lärmenden, blasphemischen Werk". Burke beklagte den "Nihilismus in den Künsten", der "nicht mehr Ausdruck von Wahrheit, Schönheit und Güte ist, sondern Ausdruck der Leere eines Lebens ohne Gott geworden ist". Der texanische Bischof Joseph Strickland schaltete sich via Twitter in die Debatte ein: "Gerade Netflix abbestellt. Habe sowieso kaum Zeit, das zu schauen, aber Blasphemiker verdienen keinen Penny an Unterstützung!"

Das Don-Bosco-Zentrum forderte ein Verbot des Films und Schadenersatz für "moralische Schäden", die durch die Verletzung der Ehre von "Millionen brasilianischer Katholiken" entstanden seien. Bei einem Bundesrichter in Rio de Janeiro hatte die katholische Vereinigung mit dem Verbotsantrag sogar Erfolg. Doch nur wenig später kippte das Oberste Gericht in Brasilia diese Entscheidung. Begründung: Eine Satire könne nicht die christlichen Werte schwächen, deren Wurzeln 2.000 Jahre zurückreichen.

"The First Temptation of Christ", das lässt schon der Titel erkennen, ist eine Verballhornung von Nikos Kazantzakis' Roman "Die letzte Versuchung", der vor 30 Jahren von Martin Scorsese verfilmt wurde. Darin träumt Jesus kurz vor seinem Tod am Kreuz, wie er mit Maria Magdalena eine Familie gründet und als Mensch glücklich wird. 1988 war das auch in Deutschland ein Skandal, so manches Kino in ländlichen Gegenden entschied sich gegen eine Ausstrahlung. In den Feuilletons wurden wochenlang theologische und ästhetische Fragen diskutiert. Hat Scorsese vielleicht einfach nur das Johannesevangelium besonders gründlich gelesen?

Zu interpretativen Höhenflügen gibt das Netflix-Video - in Deutschland im Original mit Untertiteln zu sehen - nun allerdings keinen Anlass. Es ist eine auf ungelenke Weise charmante Low-Budget-Produktion, der man deutlich anmerkt, dass die Macher von Porta dos Fundos vor einigen Jahren mit einem Youtube-Comedychannel angefangen haben. Die feine Satire ist ihre Sache nicht. Sie schlagen auf Themen wie Religion, Drogen und Korruption mit dem Holzhammer drauf, um - wie sie selbst sagen - der "konservativen Natur des brasilianischen Fernsehens" etwas entgegenzusetzen. So gesehen ist es ein Verdienst von Netflix, einem weltweiten Publikum diese regionale Problemstellung vermittelt zu haben.

Aus epd medien 3/20 vom 17. Januar 2020

Michael Ridder