Mit dem Einen sieht man alles. Anmerkungen zu einem Reformpapier

Derzeit kursiert ein Papier der Mittelstandsvereinigung der CDU (MIT), in dem vorgeschlagen wird, aus ARD und ZDF in Zukunft einen einzigen Sender zu machen. Für Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks klingt dies wie ein Quantensprung. Endlich ist da jemand, der sagt, wie es ist: dass sich das Erste und das Zweite immer öfter zum Verwechseln ähnlich sehen. In beiden Kanälen häufen sich mit Einbruch der Dämmerung die Einbrüche und verlangen von den Kommissaren Überstunden. Und nach acht wird flächendeckend geschossen und gestorben.

Oft bieten das Erste und das Zweite zwei Mal dieselben Nachrichten, das eine um sieben, das andere um acht. Weshalb also nicht beide zusammen um halb acht? Und dann um zehn ein einziges Tages-Journal? Die Rundfunkanstalten müssten sich beim Erwerb von Sportrechten nicht mehr gegenseitig überbieten. Sie müssten auch nur noch die Hälfte der TV-Produzenten beschäftigen. Man könnte die Haushaltsabgabe halbieren. Da wären sogar die Sachsen-Vorbehaltiner wieder im Boot.

Wenn die Parteien die Aufsichtsgremien schon beherrschen, warum dann so viele Rundfunkräte? Ein einziger würde doch auch reichen, zumal wenn es ein "Parlament" wäre, wie in dem Papier vorgeschlagen wird. Und warum muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk dauernd den Igel geben und rufen: "Ick bün all hier!"? Wäre es nicht ein Akt gelebter Fairness, "Bild live" Platz zu schaffen, wenn wenigstens einer der beiden Tanker verschwände? Gar nicht zu reden von dem vielen Personal!

Und gab es nicht schon immer nur ein Publikum, das sich aber, weil die Politik das so gewollt hat, auf mehrere Anbieter verteilen musste? Was war das damals für ein schönes Gefühl, als man das Gerät einfach angestellt hat und es gab nur ein einziges Programm und nicht die zahllosen Fernbedienungen. Es gäbe nicht mehr solche Zwergensender wie den Saarländischen Rundfunk oder Radio Bremen - mit eigenen Intendanten! Welcher Verschleiß an Intelligenz! Mit den vielen Sitzungen an vielen unterschiedlichen Orten wäre auf einen Schlag Schluss.

Aber gehört das wirklich zu einer "Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks", der sich dieses Papier verschrieben hat? Die Forderung nach einem Sender ist zunächst nicht mehr als eine Verbindung von Ressentiment und Rationalisierung. Haben sich die Autoren wirklich überlegt, was sie da fordern? Bei allem Respekt vor berechtigter Kritik - es wäre am Ende der Nacht ein gewaltiger Verlust an Vielfalt. Und was für ein Verlust an Arbeitsplätzen! Und übrigens auch: was für ein Verlust an Feindbildern!

Für das Linsengericht einer Schlagzeile lenken die Autoren ab von einer Reihe durchaus bedenkenswerter Vorschläge, die sie in diesem Papier machen. Sie raten ausgerechnet zu einem Zeitpunkt zum Verzicht auf einen von zwei Funkmasten der deutschen Öffentlichkeit, zu dem eine nichtkommerzielle Publizistik durch die Digitalisierung und Kommerzialisierung unter schweren Druck geraten ist. Sie erwecken den Eindruck von Aufbruch, dabei wäre es nur ein Abbruch.

Ganz abgesehen davon, dass die MIT für medienpolitische Fragen nicht zuständig ist: Zu der in diesem Papier vorgeschlagenen Fusion wird es schon deshalb nicht kommen, weil eine Zusammenlegung bereits an der Frage scheitern wird, wo denn dieser eine Sender angesiedelt werden soll. Im Osten oder doch wie immer im Westen? Am linken oder am rechten Ufer des Mainstreams oder womöglich auf einer seiner neuerdings grünen Inseln? Allein die Diskussion über diese Frage würde Jahre dauern. Viele Kommissionen würden sich daran die Zähne ausbeißen. Wieder einmal zeigt sich: Medienpapier ist geduldig und rationell ist manchmal das Gegenteil von rational.

Aus epd medien 10/21 vom 12. März 2021

Norbert Schneider