Mit brennender Geduld. Die Fotografien des Sebastião Salgado

Um ein gutes Foto zu machen, sagte der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado der "Süddeutschen Zeitung", brauche man vor allem drei Dinge: "Geduld. Viel Geduld. Noch mehr Geduld." In der Tat: Seine Fotografien strahlen eine fast archaisch wirkende Ruhe aus. Sie laden ein, sich in sie zu versenken. Da sind die Bilder von den Goldsuchern in der Serra Pelada in Brasilien: Tausende Männer, mit Lumpen bekleidet, die brüchige Leitern hoch und runterklettern, sich anschmiegen an den Berg, fast in ihn hineinkriechen. Sie alle riskieren ihr Leben auf der Suche nach dem Schatz, der sie reich machen soll. Ein Bild, das an die Visionen von Hieronymus Bosch erinnert - und doch zeigt es die Wirklichkeit in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Sebastião Salgado hat viele solcher ikonischer Bilder gemacht. Für diese Bilder, die die Betrachter neu Sehen lehren, hat er in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. In seiner Laudatio erinnerte der Regisseur Wim Wenders daran, dass Fotografieren gemeinhin mit Schießen assoziiert wird. Doch die Bilder Salgados sind Anti-Schnappschüsse, so sorgfältig sind sie aufgenommen und ausgewählt. In ihnen materialisiert sich die Zeit. Die Geduld, die Salgado für sie aufgebracht hat, verdichtet sich in diesem einen Augenblick. Seine Bilder, die so reich an Grautönen sind, an Texturen und Details, wirken fast plastisch. Sie zu betrachten ist, als würde man ein Puzzle zusammensetzen.

Wenders erinnerte an den Ursprung des Worts Fotografie: mit Licht malen. Nichts anderes mache Salgado. Er sei ein "Seher, dessen Kamera uns prophetisch den Verlust weiterer Friedensgrundlagen vor Augen führt: das Recht auf Auskommen und auf ein Dach über dem Kopf auf der einen und das Recht auf Heimat und Freizügigkeit, sie zu wählen, auf der anderen Seite."

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich Salgado in drei Zyklen mit den großen Themen unserer Zeit auseinandergesetzt. In "Arbeiter" dokumentierte er, was Menschen mit ihren Händen schaffen. Zu den eindrücklichsten Aufnahmen dieses Zyklus' gehören die Bilder der ölverschmierten Arbeiter, die die von den Irakis zerbombten Anlagen auf den Ölfeldern Kuwaits reparieren. Thema des zweiten Zyklus', "Exodus", waren Migrationsbewegungen in aller Welt. Seit den 70ern fotografierte Salgado Menschen, die durch Hunger, Krieg oder Unterdrückung gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. In seiner Dankesrede sagte der 75 Jahre alte Brasilianer, der selbst als Oppositioneller in den 60er Jahren seine Heimat Brasilien verlassen musste: "Die meisten Menschen wandern nicht freiwillig aus. Sie haben keine Wahl."

Für "Genesis" schließlich machte sich der Fotograf auf die Suche nach den Schönheiten der Natur. "Nach den unaussprechlichen Gräueln von Ruanda" habe er das Bedürfnis gehabt, "mit Menschen zusammen zu sein, die ein Leben in Reinheit genossen", sagte er. Er habe sich gesehnt nach der "Reinheit der Umwelt, der Flora und Fauna, der Bäume und der urwüchsigen Natur".

"Wir dürfen den Blick nicht abwenden", sagt Salgado, der als Fotograf in Afrika so viel Elend, Grausamkeit und Not gesehen hat, dass er darüber depressiv wurde. Es wurde viel darüber geschrieben, dass es uns die Schönheit seiner Fotos leicht - zu leicht - mache, den Blick nicht abzuwenden. Doch diejenigen, die ihm vorwerfen, er ästhetisiere das Elend, machen es sich selbst etwas zu leicht. Wenders sagte in seiner Laudatio, ein Fotograf nehme im Akt des Fotografierens eine Haltung zum Gegenstand seiner Aufnahme ein. In diesem Moment entscheide sich, "ob das ein Akt der Empathie wird oder ein Akt der Distanzierung". Salgado betrachtet das Leid anderer nicht nur, er nimmt es auf.

Aus epd medien 43/19 vom 25. Oktober 2019

Diemut Roether