Mit Blick auf den Weltmarkt. Pan Tau ist wieder da

Sobald es um Kultklassiker geht, müssen Produzenten mit Empörung rechnen. Selbst Hollywood hat bislang die Finger von "Casablanca" gelassen. "Pan Tau" spielt künstlerisch zwar in einer anderen Liga, aber hier ist die emotionale Gemengelage noch diffiziler: Die tschechisch-westdeutsche Koproduktion gehört zum gesamtdeutschen Kindheitskanon der 70er Jahre. Der herzensgute Herr Tau, der nur dann sichtbar ist, wenn er das auch will, war einst das perfekte TV-Pendant zu den imaginären Gefährten, die sich viele Kinder an ihre Seite träumen. Das macht die Geschichten nicht nur universell, sondern auch zeitlos. Und deshalb ist die Neuverfilmung weitaus weniger erstaunlich als die Tatsache, dass es so lange gedauert hat.

Wer mit "Pan Tau" aufgewachsen ist, bewahrt sich jedoch vielleicht besser seine verklärten Erinnerungen. "Pan Tau" 2.0 ist zwar eine rein deutsche Produktion (ARD/WDR/MDR), aber mit Blick auf den Weltmarkt gedreht worden. Die Serie, die seit dem 27. September in der ARD-Mediathek abrufbar ist, könnte auch für den Disney Channel entstanden sein, was die Produzenten sicher als Auszeichnung betrachten werden. Mit Ausnahme einiger deutscher Episodengäste sind so gut wie alle Sprechrollen mit englischsprachigen Schauspielern besetzt.

Immerhin bleiben die Geschichten der von Ota Hofman und Jindrich Polak entworfenen Originalfigur und damit auch dem humanistischen Ansatz treu: Die vom britischen Comedy-Zauberer Matt Edwards verkörperte Titelfigur ist stets und bedingungslos aufseiten der Kinder. Das wird die Puristen vermutlich dennoch nicht versöhnen, zumal das Kreativteam dafür gesorgt hat, dass die einzelnen Episoden alle möglichen populären Strömungen der aktuellen Kinder- und Jugendkultur aufgreifen. Die Handlung der Doppelfolge zum Auftakt erinnert an diverse Bücher, Filme und Serien, in denen sich die Hauptfiguren plötzlich in einer Fantasiewelt wiederfinden, und der Rahmen orientiert sich am Hype um Harry Potter und andere Fantasy-Erfolge.

Die Mitwirkung der deutschen Schauspieler vermittelt den Eindruck, als hätten sie einem Welterfolg vor allem nicht im Weg stehen sollen, weshalb sie nur Randfiguren verkörpern: Sophie von Kessel rettet als Hommage an Joanne K. Rowling eine Buchhandlung, Armin Rohde spielt einen Restaurantbesitzer, dem Pan Tau ein extravagantes Design ins Lokal zaubert, Katharina Wackernagel gibt sich als liebreizende Biobäuerin die Ehre. Der Titelheld hat ein bisschen mehr zu tun. War er in der vor 50 Jahren gestarteten Serie meist bloß ein lächelnder Beobachter, so ist sein moderner Nachfolger nicht nur Dreh- und Angelpunkt der Geschichten, sondern auch viel präsenter und aktiver. Trotzdem sind pfiffige Ideen wie ein Magritte-Moment, als Pan Tau in einem Gemälde feststeckt, weil seine Melone aus dem Bild gefallen ist, viel zu selten.

Und noch einen Unterschied gibt es zum Klassiker aus den Prager Barrandov-Studios. Die alte Serie entsprach perfekt der Philosophie von Gert K. Müntefering, damals Leiter des WDR-Kinderprogramms. Er sorgte im deutschen Fernsehen für eine kleine Revolution, als er der Zielgruppe in seinem legendären Manifest ("Kinderfernsehen ist, wenn Kinder fernsehen") ein Recht auf Unterhaltung einräumte - bis dahin musste das Kinderprogramm stets auch einen pädagogischen Mehrwert haben. Die Protagonisten der Neuverfilmung sind jedoch im mittleren Teenager-Alter, "Family Entertainment" lässt sich international besser verkaufen.

Durchgehend sympathisch ist dagegen der leicht ironische Ansatz, für den vor allem Matt Edwards steht, zumal die Figur in seiner Verkörperung nicht nur aufgrund der Kleidung ein bisschen altmodisch wirkt. Der zuständige WDR-Redakteur Matthias Körnich bezeichnet den neuen Pan Tau als Mischung aus Momo und Dr. Who. Unter diesem Gesichtspunkt können sich womöglich sogar die Fans des Klassikers mit der neuen Serie anfreunden.

Aus epd medien 40/20 vom 2. Oktober 2020

Tilmann Gangloff