Meister der Worte. Zum Tod von Werner Schneyder

Größere Unterschiede zwischen Künstlern, die ihr Publikum nicht einfach unterhalten, sondern satirisch bedienen wollen, habe ich nie beobachtet: Auf der einen Seite der Bühne stand Werner Schneyder, der wienerische Steiermärker, der über das Privileg eines "y" im Namen verfügte, was ihn von allen anderen Schneidern dieser Welt unterschieden hat: groß und stattlich, direkt und selbstbewusst, gelegentlich etwas laut und immer mit ein wenig Schweiß auf der Stirn, meistens mit einem richtigen Wort über ein falsches Leben. Auf der anderen Seite der Bühne stand, ein wenig tänzelnd und nervös seinen Text memorierend, Dieter Hildebrandt, der schlesische Münchner: eher schmal und hinterhältig vorsichtig und vertrackt in seiner Rede, immer ein Stück weit mit sich hadernd.

Direkt und mit klarer Aus- und Ansprache der eine, und eher ein bisschen nuschelnd, Sätze nicht zu Ende führend, der andere. Sehr verschieden also einerseits, aber eben zugleich Brüder im Geist. Es gab für mich kaum ein größeres Vergnügen, als diesen beiden bei der Probe zuzuschauen, wie sie ihr Terrain abgesteckt haben, immer beides beachtend: wie sie dieses Terrain ausweiteten, aber eben auch, wie sie sich gegenseitig ausreichend Platz (und Zeit) für eine Pointe ließen.

Beide haben sich immer mehr für Hintergründe als für das Vordergründige interessiert. Sie hatten je auf ihre Weise (etwa, als sie 1985 zusammen nach Leipzig fuhren, um in der "Pfeffermühle" aufzutreten) Politisches im Sinn, wenn auch nicht das Korrekte, waren sich aber auch für einen gut platzierten Kalauer nicht zu schade - und haben darüber dann anhaltend lachen können. Nur in einem Punkt herrschte Dissens. "Bitte, sing nicht, möglichst nicht", bat Hildebrandt seinen Freund, wenn der ein Chanson angekündigt hatte.

Verbunden hat diese zwei auch ihre kritische Begeisterung für großen Sport. Beide verfügten über ein natürliches Talent, durch die Kamera hindurch den Zuschauer anzuschauen und anzusprechen. Schneyder hat diese Gabe nicht nur für seine Auftritte als Kabarettist im Fernsehen genutzt. Als Einzelgänger, der er ein Leben lang geblieben ist, und ohne feste Sendung konnte er vom Kabarett allein nicht leben. Also ist er auch in anderen Sendungen aufgetreten. Er präsentierte sich als ein kenntnisreicher und vor allem kritischer Reporter, der keinen Sachverständigen neben sich geduldet hätte. Als Ringrichter war er oft interessanter als die Kämpfer.

Schneyder praktizierte im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF eine Haltung, die Unsinn und Flachsinn bei den Mitwirkenden nicht tolerieren konnte, aber er bot dafür auch Selbstironie nach der Attacke. Verbale Stereotypen, mit denen sich Sportreporter so oft über die Runden retten, waren ihm so peinlich, wie sie es auch seinem früh verstorbenen Freund Sammy Drechsel gewesen sind, der für den Eishockey-Kommentar "Früher waren die Schläger aus Holz. Heute sind sie aus Tölz" beim BR einige Wochen Sendeverbot bekam.

Wenn man vor sich ausbreitet, was Werner Schneyder an Unterschiedlichem gemacht hat, - er arbeitete auch noch als Schauspieler, er hat Drehbücher geschrieben, er war Dramaturg und eben auch der Sänger von selbst geschriebenen Chansons -, möchte man ihn ein Multitalent nennen, das in keiner dieser Disziplinen dilettiert hat. Doch das klänge wie ein gönnerhaftes Testat für einen Lehrling, wo er doch ein Meister war, wann immer es um Worte ohne Lieder ging. Er war einer, der, wenn er anfing zu reden, dem Fernsehen Leben eingehaucht hat. Mit ihm ist der Kreis derer, die erst Wien und dann von Wien aus die ganze Welt geschmäht haben, solche wie Karl Kraus, Helmut Qualtinger oder Georg Kreisler, größer geworden. Am 2. März ist er im Alter von 82 Jahren in Wien gestorben.

Aus epd medien 10/19 vom 8. März 2019

Norbert Schneider