Mehr Fomo als Jomo. Die neue "Brigitte Be Green"

Das Verlagshaus Gruner + Jahr kann gar nicht genug neue Zeitschriften auf den Markt werfen, die ihren Leserinnen ein gutes Lebensgefühl vermitteln sollen. Auf "Flow", das "Magazin, das sich Zeit nimmt", folgte "Hygge", die Zeitschrift, mit der wir "das kleine Glück im Alltag neu entdecken können".

Seit einigen Tagen gibt es nun auch noch "Brigitte Be Green" an den Kiosken, das "Magazin für nachhaltiges Leben". Der Verlag kündigte an, die Zeitschrift wolle zeigen, "wie man ein neues ökologisches Bewusstsein mit seinem eigenen Lebensstil ganz entspannt in Verbindung bringen kann". Das alles natürlich "ohne erhobenen Zeigefinger".

Auf dem Titel ist die "Greenfluencerin" Daria Daria zu sehen, die in ihrem Blog und auf Instagram für ökologisch verantwortungsvolle Mode wirbt - und natürlich in "Brigitte Be Green" die "neuen Fair-Fashion-Teile der Saison" vorstellt, zum Beispiel ein Viskosekleid für 350 Euro oder einen Mohair-Pulli für 360 Euro.

Im Heft schreibt die Frontfrau von "Fridays for Future" in Deutschland, Luisa Neubauer: "Wir von Fridays for Future sind nicht da, um euch zu retten." Die Journalistin Judka Strittmatter schreibt über das Glück des Verzichts, neudeutsch "The Joy of Missing Out" (Jomo). Und eine Green-IT-Expertin empfiehlt, mal wieder einen Film aus der Videothek auszuleihen, weil durch Streamen viel zu viel CO2 freigesetzt wird.

Etwas unklar bleibt, welche Zielgruppe der Verlag mit dieser neuen Publikation erreichen will. Die jungen Frauen aus der "Fridays-for-Future"-Generation? Oder doch eher deren Mütter, die ihr schlechtes Gewissen ein bisschen erleichtern wollen? Die Redaktionsleiterinnen Alexandra Zykunov und Daniela Stohn jedenfalls sprechen ihre Leserinnen konsequent mit "ihr" an.

Ein bisschen Verjüngung kann der alten Tante "Brigitte" ja nicht schaden. Aber je länger man in "Brigitte Be Green" blättert, desto mehr verfestigt sich der Eindruck, dass sich hier ein Verlag so heftig an einen Trend ranzuschmeißen versucht, dass Fremdschämgefühle aufkommen. Da kann Judka Strittmatter noch so begeistert vom Glück des Verzichts schwärmen, natürlich kommt dieses "Produkt" aus der Brigitte-Gruppe nicht ohne die in Frauenzeitschriften üblichen Kaufempfehlungen aus, die auch hier nur schlecht kaschierte Schleichwerbung sind. Bei "Brigitte Be Green" heißt die Rubrik "Geht doch" - und vorgestellt werden coole Sonnenbrillen aus Seegras zu 195 Euro und bunte Schmetterlinge aus Recylingkarton, die sich die Ökoaktivistin an die Wand hängen kann, zu acht Euro das Stück. Für die "Beauty" wird ein "zertifiziertes Klimahotel" in den Dolomiten empfohlen, in dem das günstigste Zimmer knapp 600 Euro pro Nacht kostet.

Das Magazin präsentiert viele Zahlen und rechnet zum Beispiel vor, dass es umweltfreundlicher ist, Waren zu bestellen, als im Laden einzukaufen. Vorausgesetzt, die bestellte Ware wird nicht zurückgeschickt. Doch schnell melden sich bei diesen allzu einfachen Rechnungen Zweifel: Welche Faktoren fließen in die Rechnungen ein? Was wird berücksichtigt, was nicht? Interessieren würde uns auch der ökologische Fußabdruck der Zeitschrift selbst. Wäre es nicht nachhaltiger gewesen, das Magazin nur im Internet zu veröffentlichen, statt 164 Seiten zu bedrucken? Wie viele Bäume mussten dafür sterben? Beim Verlag scheint die Angst, einen Trend zu verpassen - also the Fear of Missing Out (Fomo) - deutlich stärker gewesen zu sein als die Lust am Verzicht.

Aus epd medien 42/19 vom 18. Oktober 2019

Diemut Roether