Medienstar mit Traumsand. "Unser Sandmann" wird 60

Der Sandmann ist ein Medienstar. Seit 60 Jahren fasziniert er Groß und Klein. Seine Markenzeichen: Spitzbart, Zipfelmütze, Stiefel und eine immerwährende Freundlichkeit. Jeden Abend bringt er eine Gute-Nacht-Geschichte und seinen berühmten Traumsand. Dabei sieht er fast noch so aus wie vor 60 Jahren, als er seine Premiere hatte. In den Fernsehfolgen - bis 2009 waren es schon rund 450 verschiedene - ist der Sandmann stets bei Kindern zu Gast, kommt mit wechselnden Fahrzeugen daher und scheut vor nichts zurück. Zur Entschleunigung reitet oder schwebt er manchmal auf Tieren. Er landete auch schon auf dem Mond. Sein Fuhrpark ist legendär, mehr als 300 Fortbewegungsmittel sollen es bis heute sein, darunter Straßenbahnen, Raketen, ein Heißluftballon und ein fliegender Koffer.

Längst ist das etwa 25 Zentimeter große Männchen aus dem Osten zu einem gesamtdeutschen Publikumsliebling geworden. Täglich wollen ihn mehr als eine Million Fans sehen. Produziert wird die Sendung federführend beim RBB, in Kooperation mit MDR und NDR. Die Beliebtheit des Sandmännchens führt Anja Hagemeier, Leiterin der Abteilung Familie und Kinder beim RBB, unter anderem auf das allabendliche Ritual zurück. "Die Kinder mögen vor allem seine beständig freundliche Art", sagt sie. Er sei verlässlich - das begeistere.

Erstmals war der Traumsandbringer am 22. November 1959 im Fernsehen zu sehen. Spektakulär wie seine Auftritte ist auch die Entstehungsgeschichte: In nur drei Wochen wurde der Sandmann geschaffen. Als die DDR-Funktionäre von einem geplanten West-Sandmännchen erfuhren, musste schnell ein Pendant für den Osten her. So gesehen ist die Figur ein Ergebnis des Kalten Krieges. Beauftragt wurde vom DDR-Fernsehen der Berliner Regisseur, Puppengestalter und Szenenbildner Gerhardt Behrendt (1929-2006), der den Wichtel in aller Eile schuf. Ein passendes Lied dazu soll Komponist Wolfgang Richter (1928-2004) an nur einem Abend geschrieben haben. Sein Werk "Sandmann, lieber Sandmann" ist heute Ohrwurm der Sendung, die in Kika, MDR und RBB zu erleben ist.

Alles in allem sei es "der große Wurf" gewesen, sagt der Experte und Autor mehrerer Sandmann-Bücher, Volker Petzold. Puppenmacher Behrendt sei allerdings mit seinem ersten Entwurf nicht zufrieden gewesen. Er habe sich für das "hutzelige Männchen", das bei der Premiere noch zu Fuß daher kam, zunächst sogar geschämt, sagt Petzold. Der Sandmann-Erfinder habe dann noch einige Monate weitergearbeitet und der Figur die heutige Gestalt gegeben - damals alles in Handarbeit.

Der erste Ost-Sandmann ging tatsächlich acht Tage früher auf Sendung als sein westdeutsches Pendant beim SFB. Das Ostprodukt setzte sich auch nach der deutschen Einheit durch. Als 1990 das Gerücht aufkam, dass die beliebte Sendung vom Bildschirm verschwinden solle, protestierten die Zuschauer heftig. Die Sendung wurde im Januar 1992 in Mecklenburg-Vorpommern zwar abgeschaltet, erschien aber schon nach kurzer Zeit wieder auf dem Bildschirm.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt Petzold zufolge im Zusammenspiel von Puppe, Lied und wechselnden Fahrzeugen. Behrendt selbst beschrieb den Sandmann einmal so: "Er hat Kindliches als auch das Merkmal der Weisheit und der Würde des Alters." Zum 60. Geburtstag gibt es natürlich auch Geschenke. Ex-Rosenstolz-Sänger Peter Plate hat das Fan-Lied "Lieber Sandmann" komponiert, interpretiert wird es von Sängerin Sotiria. Das Filmmuseum Potsdam lädt zu einer Zeitreise ein. In Dresden ist eine Ausstellung über den Sandmann und seine Beziehungen zu Sachsen zu sehen. Der Heimatsender RBB schenkt dem Jubilar Sondersendungen. An Frührente ist also auch mit 60 Jahren nicht zu denken.

Aus epd medien 47/19 vom 22. November 2019

Katharina Rögner