Medienkritik. Dr. Drostens gesammelte Verkürzungen

Die Verdienste von Christian Drosten in der Corona-Pandemie sind unbestreitbar honorabel. Mit seiner Expertise spielt der Virologe eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung der Krise, und dafür gebührt ihm Respekt. Doch sein Verhältnis zu den Medien bleibt schwierig. Wo die Kritik des berühmten Wissenschaftlers im Ungefähren verharrt, wirkt sie wie schlichte Medienschelte.

Mehrfach beklagte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, vor allem zu Beginn der Pandemie, dass manche Journalisten wissenschaftliche Erkenntnisse unvollständig und verkürzt wiedergäben. Seinen oft durchaus gut nachvollziehbaren Verdruss tat er auch öffentlich bei Twitter kund. Inzwischen arbeitet der Wissenschaftler dort vor allem mit der Hervorhebung positiver Beispiele: Redaktionen wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Die Zeit“ oder „Der Spiegel“ erwähnt Drosten regelmäßig lobend.

Und doch blitzt bisweilen weiterhin eine Form von Medienkritik in Aussagen des Virologen auf, die in ihrer Unterkomplexität nach allen Seiten anschlussfähig und deshalb gefährlich ist. Im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ sprach Drosten jüngst, in Folge 88 vom 11. Mai, mit der Journalistin Korinna Hennig über Impfungen. Dabei ging es auch um die Modellierung von Szenarien, die für die Zeit nach Ostern zum Teil extrem hohe Inzidenzwerte enthalten hatten. Tatsächlich trafen diese Szenarien nie ein.

In einer Antwort zur Frage der Vergleichbarkeit von Fallzahlen in verschiedenen Ländern schwenkte der Wissenschaftler abrupt auf das Modellierungsthema um: „Ich glaube, und das ist mein Eindruck als Privatperson, dass diese Darstellungen in den Medien allesamt nicht vollständig sind“, so Drosten. „Wir hatten gerade in den letzten Wochen diese ständigen Attacken auf die epidemiologischen Modellierer, die vollkommen fehlgeleitet waren. Ich denke, dass diejenigen, die diese Attacken ausüben, auch genau wissen, was sie da machen“, sagte er, und etwas später: „Aber wie gesagt, ich glaube, dass hier und da auch eine gewisse Agenda mitschwingt. Eine Geschichte, die man über längere Zeit in den Medien erzählen will.“

Im weiteren Verlauf der Podcast-Folgte kritisiert der Virologe dann erneut die Darstellung in den Medien, die häufig nur ein einziges Szenario betrachte. Dabei liege es „auf der Hand“, dass in den Modellen nicht alle Maßnahmen wie Schulferien oder Entscheidungen der Politik enthalten sind. „Und ich würde mal sagen, diejenigen, die das in den Medien im Moment lautstark verbreitet haben, die wissen das eigentlich ganz genau, was sie da machen.“

Derlei Sätze lassen ratlos zurück. Wen meint Drosten hier? Die Kritiker der Modellierer, die als Aussageträger in den Medien auftreten? Oder sind es in seinen Augen gar die Medien selbst, die eine „Agenda“ verfolgen? Korinna Hennig stellt diese Fragen nicht, sie bleiben offen für Interpretationen der Hörerinnen und Hörer - die erschreckend häufig kaum sattelfest im Fach Medienkunde sind. Mangelnde Medienkompetenz ist in Deutschland keine Frage des Bildungsabschlusses, sondern ein gesellschaftlich breit vorhandenes Defizit. Laut einer Umfrage im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse aus dem vergangenen Jahr sind 40 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer der Überzeugung, dass Medien die Bevölkerung für bestimmte Anliegen mobilisieren sollen.

System und Logik der Medien und ihre demokratietheoretische Funktion mögen nicht ganz so komplex erscheinen wie Polymerase-Kettenreaktionen oder die Perkolationstheorie, doch ihre Zusammenhänge und Funktionsweisen werden von Kommunikationswissenschaftlern ebenfalls in umfassenden Theorien beschrieben. Auch eine generalisierende Kritik an Aussagen „in den Medien“ ist vor allem eines: eine verkürzte Darstellung.

Aus epd medien 22/21 vom 4. Juni 2021

Ellen Nebel