Magie mit Biiip. Die Mondlandung und ihre Bilder

Wie für die meisten, die um 1960 herum zur Welt kamen, wurde auch für mich die Mondlandung zu einem medienhistorischen und emotionalen Fixpunkt. Das hat mehrere Gründe. Fernsehen hatte seinerzeit noch eine ganz andere Strahlkraft. Ich schaute alles, von "Flipper" bis "3 x 9". Fernsehen war damals noch mit Mühen und Anstrengungen verbunden. So war der Telefunken-Apparat meiner Eltern, ein wuchtiges Möbelstück, oft kaputt. Oder aber ein Sturm verdrehte die auf dem Dach montierte Hausantenne. Das Bild war dann weg. Vom Speicher aus musste ich die Antenne blind nachjustieren, derweil mein Vater von der Terrasse aus, wo er den flimmernden Fernsehschirm im Blick hatte, nach oben rief: "Weiter, weiter, weiter!" - so lange bis das Bild wieder da war.

Im Juli 1969 funktionierte der Fernseher aber und ich verfolgte, wie die mächtige Rakete in Zeitlupe abhob: "Zehn, neun, acht... Liftoff!" Ein paar Tage später, am 21. Juli, war unser Fernsehbild zum Glück immer noch scharf. Neil Armstrong stieg aus der Mondfähre und hopste auf dem Erdtrabanten, leichtfüßig wie ein Känguru. Diese Bilder haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Tiefer als alle anderen Fernsehereignisse, tiefer als die Fußballweltmeisterschaft 1974, tiefer als das verlorene Misstrauensvotum 1982, bei dem der zerknirschte Helmut Schmidt dem späteren Wendekanzler die Hand reichte. Oder die Anschläge vom 11. September 2001.

Das eigentliche Geheimnis dieser Mondlandung? Es hat gewiss etwas mit dem Ton zu tun: Zu hören waren für mich damals unverständliche Redefetzen, wie von Außerirdischen. Pause. Dann immer wieder das Biiip. In der Wahrnehmung eines Achtjährigen war das Magie. Astronaut wollte ich werden, mit einem weißen Raumanzug. Auf dem Wühltisch des Kaufhauses habe ich erst mal ein Buch erstanden: "Mit der Apollo-Rakete zum Mond" von Kurt Vethake, erschienen im August 1969 in zweiter Auflage. Die 272 Seiten habe ich verschlungen. Später las ich Perry Rhodan. In meinem Kopf begleitete mich immer das: Biiip.

Und wofür das alles? Auf der Spitze der 111 Meter hohen Rakete, die mit 180 Millionen PS ins All geschossen wurde, befand sich ein winziger Haufen Blech, der allein zur Erde zurückkehrte, die Apollo-Kapsel mit den drei Astronauten. Das ist so aber nicht ganz richtig, denn außer ein paar Brocken Mondgestein kam noch etwas anderes zurück: TV-Bilder. Das Wiedersehen mit den Bildern selbst, die das WDR Fernsehen am 21. Juli in dem vierstündigen Zusammenschnitt "Als keiner schlafen wollte - die Mondlandung" noch einmal ausstrahlte, wirkt heute ernüchternd: Man erkennt kaum etwas, die Astronauten auf den unscharfen Schwarzweißbildern sehen aus wie Mondgeister. Daran erinnert man sich heute nicht mehr. Das liegt wohl daran, dass jene farbigen Hochglanzfotos, geschossen mit einem speziell angefertigten Hasselblad-Fotoapparat, die authentischen Schwarzweißbilder von damals verdrängten.

So ist das Ereignis Teil einer telegenen Erinnerungskultur geworden. In der zwei Jahre später erschienenen Komödie "Trafic" von 1971 schauen sich entspannte französische Automechaniker beim Reparieren eines Wagens die Mondlandung auf einem Minifernseher an und reichen sich dabei den Schraubenschlüssel mit derselben Zeitlupengeschwindigkeit, mit der Armstrong und Aldrin sich auf dem Erdtrabanten bewegten. Sublim hat der Komiker Jacques Tati den gefühlten Mond auf die Erde herunter geholt.

Die Apollo-11-Mission war aber nicht, wie Verschwörungstheorien behaupten, ein Fake. Sie war das teuerste Live-Event aller Zeiten. Armstrong und Aldrin landeten auf dem Mond, um dort eine Fernsehkamera zu postieren. Diese Kamera ist übrigens dort geblieben. In meinem Kopf sendet sie noch heute Bilder und Töne. Biiip.

Aus epd medien 30-31/19 vom 26. Juli 2019

Manfred Riepe