Machtkämpfe und Fruchtbonbons. Bob Woodwards neues Buch "Peril"

epd Das Phänomen „Bob Woodward“ hat wieder zugeschlagen. Bücher über Donald Trump gibt es stapelweise, doch wenn der 78-jährige Watergate-Enthüller etwas Neues vorlegt, ist das ein Ereignis. Im Voraus verbreiten Medien geleakte Zitate, das Buch landet schnell oben auf Bestsellerlisten, es folgen TV-Interviews. In Besprechungen kommt gerne das Adjektiv „legendär“ vor - Woodward thront schon zu Lebzeiten auf einen Ehrenpodest des US-amerikanischen Journalismus.

So ist es auch bei Woodwards neuem Buch „Peril“ (Gefahr) über Trumps letzte Monate und den demokratischen Nachfolger Joe Biden. Trump habe gegen Ende seiner Amtszeit eine „Parade“ von Journalisten in seinem Luxusanwesen Mar-a-Lago in Florida empfangen, heißt es darin. Zum republikanischen Senator Lindsey Graham, einem engen Bundesgenossen, habe Trump gesagt: „Zumindest kann ich meine Seite der Geschichte erzählen.“ Graham soll gesagt haben, die „Hälfte der Zeit“ habe Trump die Medien erfolgreich manipuliert, in der anderen Hälfte sei er selbst sein ärgster Feind gewesen.

Auf Woodwards Webseite bobwoodward.com steht ein Zitat des früheren CIA-Direktors Robert Gates. Er hätte Woodward für den Geheimdienst rekrutieren sollen, denn dieser habe die „außerordentliche Fähigkeit“, Menschen zum Preisgeben von „Informationen zu bringen, über die sie nicht reden sollten“, befand Gates. Die Methoden des Starjournalisten sind vielfach beleuchtet und seziert worden. Er nutzt lange wörtliche Zitaten und kennt die angeblichen Gedanken der Protagonisten ebenso wie nebensächliche Details (Trumps Lieblingssüßigkeiten seien Fruchtbonbons der Marke „Starburst“), als sei er persönlich dabeigewesen. Die Informationen in „Peril“ kommen nach Angaben des Autors hauptsächlich aus „Deep-Background-Interviews“ mit mehr als 200 Menschen. Die Quellen bleiben anonym.

Woodwards 21. Buch, geschrieben zusammen mit dem 42 Jahre jüngeren „Washington Post“-Reporter Robert Costa (zuvor bei der konservativen Zeitschrift „National Review“), umfasst 72 kurze Kapitel auf 482 Seiten. Im Nachwort versichert Costa seinem Kollegen, er habe beim Schreiben eine „Meisterklasse“ im Journalismus bekommen. Woodward lobt Costa als wunderbar und fleißig. „Mir hätte es gereicht, ein Interview oder zwei am Tag zu machen“, erklärt er. Costa habe an vielen Tagen sieben geführt. In deutscher Übersetzung soll das Buch im Januar 2022 erscheinen.

Die Interviewten erscheinen zumeist in einem warmem Licht. Generalstabschef Mark Milley, der die chinesische Militärführung nach der Wahl angerufen haben soll mit der Versicherung, die Lage in den USA sei trotz Trumps erratischem Verhalten und dessen „geistigem Verfall“ stabil, übernimmt die Rolle des Retters der Demokratie; der häufig zitierte Graham die des vernünftigen Republikaners, der Trump bremsen will. Wer da wen benutzt, bleibt allerdings offen - wie in anderen Woodward-Büchern. Die Gesprächspartner haben ihre Motive: Milley bleibt unter Biden im Amt, Graham profiliert sich als Führungspersönlichkeit bei den Republikanern. Woodward lässt Aussagen stehen, ohne zu bewerten. Ereignisse werden auf die Sichtweise der Gesprächspartner reduziert. Trump und Biden haben keine Interviews gegeben.

In einem Online-Journalismus-Kurs hat Woodward jüngst über seine Prinzipien gesprochen: Er trenne Meinung von Berichterstattung, er sei ein Bürger und Reporter ohne politische Agenda. Das kann man nun schlucken oder nicht. Durch Woodwards Gesamtwerk zieht sich eine wohlwollende Haltung zu den Institutionen und den Mächtigen, Ausnahmen wie Richard Nixon und Donald Trump schildert er als gefährlich für die Demokratie. „Gefahr bleibt“, endet „Peril“. „Wo sind die Grenzen zu dem, was er und seine Unterstützer tun könnten, um ihn wieder an die Macht zu bringen?“ Ein Cliffhanger für das nächste Buch.

Aus epd medien 43/21 vom 29. Oktober 2021

Konrad Ege