Lügen und Lebensgefahr. Journalismus im Nordosten Nigerias

Abuja (epd)

Einen Tag ohne Gerüchte hat Jawati Friday lange nicht erlebt: Mal soll die islamistische Terrorgruppe Boko Haram ein Dorf angezündet haben, dann wieder heißt es, die Armee habe die Islamisten besiegt. Zuletzt erreichten die Reporterin des staatlichen Rundfunks in Nigeria immer häufiger Meldungen über schwer bewaffnete Reitermilizen, die sesshafte Bauern im unsicheren Nordosten des Landes überfallen haben sollen. "Mein wichtigstes Recherchetool ist das Mobiltelefon: Ich rufe alle an, die rund um den Ort eines angeblichen Ereignisses irgendetwas wissen könnten", sagt Friday. Sie verlässt sich vor allem auf Dorfchefs, die Polizei und Sicherheitskreise.

Hinfahren und überprüfen, was wirklich geschehen ist, können sie und ihre Kollegen nicht - nicht nur wegen fehlenden Geldes. "Wir leben in einer Krisenregion", erklärt Austin Ajeyi, der für die private Tageszeitung "The Authority" schreibt. "Wir müssen am Leben bleiben, um weiter berichten zu können." Das beschreibt das Dilemma der Journalisten in Adamawa, dem Bundesstaat, der von denen im Nordosten Nigerias noch am sichersten ist. Das nördlich angrenzende Borno ist die Hochburg der Islamisten, zwei Splittergruppen der Terrorgruppe "Islamischer Staat" führen dort Krieg gegen die Armee und gegeneinander. Von dort schwappt der Krieg immer wieder nach Adamawa über, wo dann die Bewohner ganzer Dörfer fliehen. Nachrichten haben in dieser Lage eine ganz besondere Bedeutung, weiß Ajeyi: "Wir achten darauf, keine Panik zu erzeugen und keinen Hass zu schüren - wir wollen nicht, dass unsere Leser mit Knüppeln auf die Straße gehen, um wegen einer unserer Geschichten Vergeltung zu üben." Deshalb behalte er manche Informationen für sich.

Hinzu kommt, dass über bestimmte Fakten selbst dann nicht berichtet werden darf, wenn sie als gesichert gelten. Wer unliebsame Berichte aus dem Bürgerkriegsgebiet veröffentliche, müsse mit Repressionen des Staats rechnen, sagt Jawati Friday. "Wir müssen inzwischen abwarten, was die Sicherheitsbehörden uns als offizielle Information geben - und nur das dürfen wir ausstrahlen." Friday akzeptiert das als Angestellte eines staatlichen Senders zähneknirschend. Yakubu Musa, der für die nigerianische Nachrichtenagentur NAN berichtet, hat sich ein eigenes Netz von Informanten überall in den Krisenregionen aufgebaut. "Viele sind Rückkehrer, die eine Zeit lang als Flüchtlinge im Süden von Adamawa ausgeharrt haben - wenn dort, wo sie jetzt wieder leben, etwas passiert, melden sie sich. Das Militär frage ich dann nur noch: Wollt Ihr das bestätigen oder nicht?" In seinen Artikeln stellt Musa beide Seiten gegenüber.

Die Bevölkerung stehe dabei üblicherweise hinter den Journalisten, sagt Sanamo Obidah Beto vom Lokalradio in Adamawa. "Unser Problem sind die Sicherheitskräfte, die uns die Wahrheit über die Lage vorenthalten. Wenn zehn Menschen in einem Kampf ihr Leben verlieren, dann verringert die Armee die Zahl, aus Angst." Angst haben auch die nigerianischen Journalisten immer wieder. Der Job sei interessant, aber auch gefährlich, erklärt Agenturjournalist Musa. Auch deshalb sei es wichtig, sich an Regeln zu halten. "Wenn die Armee dir sagt: Da kannst du nicht hingehen, dann gehe ich nicht hin."

Dass die Auflagen der Sicherheitskräfte die Berichterstattung über die Krise im Nordosten Nigerias einschränken, ist für den Radiomann Beto bewiesen. "Als Journalist sollst du berichten, was ist, aber hier ist das nicht so." Das hat Folgen weit über Nigeria hinaus. Denn Berichte von Beto, Musa oder Friday sind Quellen für Medien weltweit, von denen kaum jemand eigene Korrespondenten in Afrikas größter Ölfördernation hat. So erklärt sich etwa, warum selbst die Zahl der 276 entführten Schulmädchen in Chibok im April 2014 so lange unklar war - und warum nach Jahren brutaler Kämpfe niemand genau weiß, was in Nordnigeria wirklich passiert.
Aus epd medien 13/19 vom 29. März 2019

Marc Engelhardt