Lokalzeitungen sterben lassen? Plädoyer für ein Primat der Inhalte

Dass DuMont einen Großteil seines Regionalzeitungsportfolios verscherbelt, hat abseits von Gewerkschaften und ein paar für den Erhalt der "Hamburger Morgenpost" in Stellung gebrachten Lokalpromis für kaum mehr als ein Achselzucken gesorgt. An den Niedergang der Lokalpresse hat man sich gewöhnt. Und überhaupt wird es immer komplizierter, die Lage auf dem Zeitungsmarkt zu monitoren: Wer kriegt von wem welchen Mantel geliefert? Wo sitzen noch Rumpfredaktionen, und wo befüllt die nur noch vermeintliche Konkurrenz das Zombie-Blatt? Wo liegen die Zwei-Zeitungs-Kreise?

Was also soll das Ganze noch? Warum Geschäftsmodellen nachweinen, die nicht mehr funktionieren? Warum Verlage bemitleiden, die nach gängiger Lesart die Digitalisierung zu lange verschlafen haben? Leicht fällt es, die Bedeutung zu belächeln, die die gedruckte Lokalzeitung in all ihrer Bräsigkeit gerade für manche in der älteren Generation noch hat.

Jüngst hat der Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch bei "Netzpolitik.org" ausgerufen: "Lasst Lokalzeitungen sterben, damit Lokaljournalismus leben kann!" Mit seiner Diagnose trifft Dobusch den Punkt: Viele lokale Blätter enthalten "ganz viel PR, ganz viel Werbung und ganz viel überregionale Füllinhalte" und scheitern - Stichwort Anzeigengeld - häufig daran, den Mächtigen vor Ort auf die Finger zu schauen. Anders als in Berlin, wo genügend aufdeckungsbewusste Journalisten unterwegs sind, wäre aber genau diese Kompetenz in der Fläche bitter gefragt. Recht hat Dobusch, wenn er rhetorisch fragt, ob nicht "das Fortbestehen von Zombie-Regionalzeitungen das Entstehen von unabhängigerem Lokaljournalismus mehr behindert als befördert".

Dobusch präsentiert sodann die Lösung des Problems: Lokaljournalistische Blogs, die Gelder aus staatsfernen, öffentlich-rechtlichen Fördertöpfen erhalten, finanziert etwa durch einen höheren Rundfunkbeitrag. Blogs, unabhängige Stadtteilzeitungen, Hyperlokales? Das war doch vor sechs, sieben, acht Jahren der neueste Schrei auf Medienkongressen und in Medienmedien. Um die meisten der damals zur Schau gestellten Projekte ist es ruhig geworden - möglicherweise auch, weil es nicht genug Förderung gab. Andererseits ist die Bilanz von Medienförderungsprojekten im Lokalen - Stichwort "Vor Ort NRW" - eher überschaubar. Die Lokalzeitung also ganz abschreiben und stattdessen auf Blogs setzen, "die sich mit klein(st)em Team auf genuin journalistische Recherche konzentrieren"?

Abgesehen davon, was das für die - ohnehin schrumpfenden - Arbeitsplätze im Lokaljournalismus bedeuten würde: Für genuin journalistische Recherche in konstanter Qualität und zu einer großen Bandbreite an Themen ist eine gewisse Personalstärke vonnöten, auch das institutionelle Backing eines - journalistische Tugenden freilich nicht nur in Sonntagsreden feiernden - Medienhauses kann nicht schaden. Dass viele Blätter, darunter einstmals stolze Regionalzeitungen, im Lokalen kaum noch mit eigene Recherchen aufwarten und ihre Seiten mit kaum redigierten Pressemitteilungen füllen, liegt doch auch daran, dass ihre Redaktionen bis weit über die Schmerzgrenze hinaus ausgedünnt und prekarisiert worden sind und an vielen Orten gar nicht mehr präsent sein können.

Für eine kompetente Versorgung der Fläche brauchen wir deswegen weiter eine kritische Menge an Journalistinnen und Journalisten, die hochwertige Beiträge liefert - und zwar in einer Vielzahl von Formaten. Das kann ein Blog sein, die klassische Lokalzeitung (gedruckt und online) oder auch ein eigenständiges Online-Portal. Ob etablierte Anbieter oder neue: Wer gefördert wird, sollte nicht am Format festgemacht werden, sondern an den Inhalten. Lokalredaktionen sollten Luft für Innovationen bekommen. Zum Beispiel, indem sie keine Zombie-Blätter mehr füllen müssen.

Aus epd medien 7/20 vom 14. Februar 2020

Dominik Speck