Lockerungsversuche. Die neue Frühschicht bei CNN

epd In der Frühsendung „CNN This Morning“ erklärte der Arzt und Medizinjournalist Sanjay Gupta am 1. November an einem Modell des menschlichen Gehirns, warum viele Menschen mit Unbehagen auf Veränderungen reagieren. Die Ironie war spürbar. Folgt man Guptas Ausführungen, müsste CNN an diesem 1. November 2022 schon zu früher Stunde Missstimmung ausgelöst haben. Denn den Stammzuschauern begegnete ein neues Moderatorenteam: Don Lemon, Poppy Harlow und Kaitlan Collins.

Lemon, Jahrgang 1966, offen homosexuell, mehrfach ausgezeichnet, erfahren auch in der Moderation von Unterhaltungssendungen, ist in diesem Trio der Wortführer, optisch ausgewiesen durch seine mittige Platzierung zwischen den Kolleginnen, denen er bisweilen Fragen zuspielt, die er aber auch schon mal vorlaut unterbricht oder mit Gönnermiene belobigt. Reichlich unangemessen, denn selbst die Jüngste in der Runde, Kaitlan Collins, hat bereits einige Meriten erworben. Mit gerade 30 Jahren blickt sie auf eine Blitzkarriere zurück. Sie stieß 2017 zu CNN, berichtete aus dem Weißen Haus und wurde 2021 zur Chefkorrespondentin ernannt. Bei Präsident Donald Trump machte sie sich mit kritischen Fragen unbeliebt. Dessen Pressechefin Kayleigh McEnany schimpfte sie eine „Aktivistin“, was in diesen Kreisen herabsetzend gemeint ist. Und Poppy Harlow, Jahrgang 1982, liefert seit 2008 bei CNN Reportagen und moderierte Wirtschafts- und Morgensendungen.

Beim früheren Moderatorenteam Brianna Keilar und John Berman fiel gelegentlich ein Scherz, gab es manchmal Neckereien. Insgesamt aber war die Anmutung der damals noch „New Day“ betitelten werktäglichen Sendung eher streng und betont nachrichtenorientiert. „CNN This Morning“ unterscheidet sich von der Vorgängersendung durch lockere Plaudereien und einen zwanglosen Meinungsaustausch im Moderatorenteam. In der ersten Sendung verrieten die drei wohlgelaunt, dass ihnen das frühe Aufstehen noch schwerfällt. Poppy Harlow referierte ein Gespräch vom Vorabend mit ihrem Ehemann, der sich wunderte, dass sie ungewohnt früh Richtung Bett strebte. Ihre Antwort: „So sieht mein neues Leben aus, Liebling.“

Bei all dem haben die sogenannten harten Nachrichten und Korrespondentenberichte weiterhin Priorität, meist in der von CNN gewohnten Mischung aus Live-Schaltung und Filmeinspielung plus Expertenbefragung. Anders als in reinen Nachrichtensendungen erlauben sich die Moderatoren auch Kommentare. Nach einem Bericht über die republikanische Kandidatin Kari Lake, die während einer Wahlkundgebung einen geschmacklosen Witz riss, äußerte Don Lemon kopfschüttelnd: „Abscheulich. Abscheulich.“

Dem Moderatorenteam wird Zeit für gemeinsame Gespräche zugestanden. Sie diskutieren Beiträge oder aktuelle Geschehnisse, frotzeln ein wenig. Auffällig ist der häufig praktizierte nonchalante Einstieg: Die Sendung startet mitten in einem Gespräch der drei, die sich überrascht geben und Bemerkungen machen wie „Nicht vergessen, wir sind im Fernsehen“, ehe Don Lemon das Publikum unter Angabe des Wochentags und des Datums - dieses Ritual wurde von der Vorgängersendung übernommen - mit dem ersten Morgengruß anspricht.

Die Umgestaltung des Morgenprogramms steht in Zusammenhang mit dem Wechsel in der CNN-Senderleitung von Jeff Zucker zu Chris Licht. Zuvor hatte Licht bei der Senderkette CBS die Morgensendung „CBS This Morning“ zum Erfolg geführt und sich mit „The Late Show with Stephen Colbert“ auch um das Abendprogramm verdient gemacht. CNN America zeigt „CNN This Morning“ von sechs bis neun Uhr morgens. In Deutschland beginnt die Sendung bei CNN International in der Regel um zwölf Uhr mittags und endet um 14 Uhr, wenn nach London in den dortigen „CNN Newsroom“ geschaltet wird.

Aus epd medien 49/22 vom 9. Dezember 2022

Harald Keller