Lob der Kleinanzeigen. "Ulysses" in Wien

Jahrzehntelang waren die Anzeigenverkäufer das wirtschaftliche Rückgrat der Zeitungen, doch wie es aussieht, werden auch ihre Jobs im Zeitalter von Google Ads bald durch Künstliche Intelligenz ersetzt sein. Der berühmteste Anzeigenverkäufer der Literaturgeschichte war und ist mit Sicherheit Leopold Bloom, den sein Schöpfer James Joyce einen Tag lang, genau gesagt am 16. Juni 1904, durch Dublin spazieren ließ. Nach ihm wurde der Bloomsday benannt, den Literaturbegeisterte in aller Welt seit Jahren am 16. Juni begehen.

Wie heute auch noch üblich, arbeitet Bloom selbstständig, in einem Kapitel des "Ulysses" wird beschrieben, wie er in der Setzerei einer Tageszeitung versucht, noch eine Anzeige in der Nachmittagsausgabe zu platzieren. Passend zum Beruf seines Protagonisten publizierte Joyce erste Auszüge seines Romans "Ulysses", noch während er daran schrieb, in der amerikanischen Zeitschrift "Little Review", allerdings wurden die Ausgaben dieser Zeitschrift bald wegen "Obszönität" beschlagnahmt. Erst 1922 erschien der Roman als Buch.

Der Wiener Comiczeichner Nicolas Mahler hat jetzt seine Version des "Ulysses" gezeichnet und dafür Leopold Bloom nach Wien versetzt. Leopold Wurmb heißt sein Anzeigenverkäufer, und Mahler hat sein Buch mit Original-Kleinanzeigen aus österreichischen Zeitungen vom 16. Juni 1904 gestaltet. Die meisten Anzeigen stammen aus dem Wiener "Neuigkeits-Welt-Blatt", das von 1874 bis 1943 erschien. Hier werden "Znaimer Kirschen, stets frisch gepflückt" ebenso angeboten wie "Weltberühmte Olmützer Quargel vielfach höchst prämiirt" oder "Postkarten mit Ansichten von Innsbruck in 100 Jahren à 8 und 12 Heller".

Mehrere Kapitel gestaltet Mahler mit Original-Überschriften, Grafiken und Anzeigen aus damaligen Zeitungen. Überschriften wie "Der Krieg in Ostasien" oder "Die Ereignisse auf dem Balkan" lassen ahnen, dass die Zeiten damals keineswegs friedlicher waren als heute. Wurmb setzt seine Kleinanzeigen selbst, gestaltet ganze Seiten damit, den "täglichen Wurmb". Bald liest der Mann, der argwöhnt, dass seine Frau Molly ihn mit dem Impresario Berlyak betrügt, über allen Anzeigen nur noch das große Wort "Betrogen!" und aus "L. Luser's Touristen-Pflaster" wird der "Luser" Wurmb, der sich aufmacht zu Is. Kolbs "Fleischhauerei und Geselchtes", weil er was essen muss.

Auch die Namen seiner Protagonisten, die leicht von den Namen bei Joyce abweichen, hat Mahler Anzeigentexten des Jahres 1904 entnommen. Seine Figuren gleichen Strichmännchen, sie haben weder Augen noch andere Gesichtszüge, unterscheiden sich nur durch die Statur sowie durch überdimensionierte Nasen und Hüte. Die 18 Kapitel des Originals hat Mahler auf sieben reduziert. Im Original-"Ulysses", so hat es jemand gezählt, gibt es einen Satz, der 12.931 Worte lang ist. Mahler kommt mit einem Bruchteil davon aus, denn auch in seinen Dialogen beschränkt er sich auf das Wesentliche: "Hallo Krükl." - "Hallo Wurmb." - "Wetter wird wieder schlechter." - "Ja, leider."

Mit Hilfe der Kleinanzeigen gelingt es Mahler, der die 1.000 Seiten des "Ulysses" in seinem Comic auf knapp 300 Seiten reduziert, den Wiener Alltag von 1904 in das Buch zu integrieren. Hier ist er ganz bei Joyce, der sich ebenfalls vorgenommen hatte, einen ganz normalen Tag in Dublin zu schildern. Wenn die "Lebensmittel-Niederlage Wilten" in der Leopoldstraße 11 "trotz kolossal hoher Mehlpreise" das Mehl "doch noch um 17 Kr. per Kilo" abgeben will oder ein "Braves Mädchen welches etwas kochen kann und Hausarbeiten verrichtet" eine Stelle sucht, so entsteht darüber ein Bild vom Wien der Jahrhundertwende, das aufschlussreicher und lebendiger ist, als viele Fotobände oder lange Beschreibungen es sein könnten. Und auch wer am Original bisher immer gescheitert ist, kann mit diesem "Ulysses" viel Spaß haben.

Aus epd medien 46/20 vom 13. November 2020

Diemut Roether