"Lindenstraße mit Drachen". Bei One reden sie über Serien

Alle reden über Serien. Ein Wunder also, dass nicht auch im Fernsehen, wo ja fast täglich Talkshows zu sehen sind, schon längst über Serien geredet wird. Der ARD-Spartensender One, der zwar viele Serien zeigt, aber sonst eher wenig von sich reden macht, probiert nun seit zwei Monaten aus, ob das funktioniert: im Fernsehen über Serien zu reden. Nach zwei Pilotfolgen von "Seriös - Das Serienquartett" kann man sagen: Da geht noch was!

Die Premiere Ende September wurde von den Kollegen Fernsehkritikern ordentlich verrissen. Vielleicht lag das daran, dass keiner von ihnen in die Runde eingeladen worden war. Man erinnere sich: "Das Literarische Quartett", das Pate dieses Formats war, bestand in seinen goldenen Zeiten aus mindestens drei Kritikern - und gelegentlich wurde ein Autor, also einer, der selber Bücher schrieb, als Gast geladen. Gastgeber und Spiritus Rector war der wortgewaltige Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek assistierte als liebedienerischer Anekdotenerzähler und Sigrid Löffler, die Grande Dame der Literaturkritik, die den beiden eitlen Herren nicht nur intellektuell, sondern auch argumentativ überlegen war, sorgte mit ihren Beiträgen dafür, dass das Niveau nicht allzu tief sank.

In "Seriös - Das Serienquartett" gestalten nun vier sogenannte Gastgeber die Sendung: Zwei von ihnen sind Serienautoren: Annette Hess, die die Bücher zu "Weissensee" und "Kudamm" geschrieben hat, und Ralf Husmann, Autor von "Dr. Psycho", "Stromberg" und "Merz gegen Merz". Die anderen beiden, der Komiker Kurt Krömer und die Moderatorin Annie Hoffmann, sind bekennende Fans, also "Serienjunkies". In der ersten Sendung hatte sich Krömer die Moderationskarten geschnappt und bezog für seine schlecht vorbereitete Moderation gehörig Prügel. Dabei wirkte er durchaus engagierter als früher in seiner "Krömer Show", wo er das Desinteresse zum Markenzeichen gemacht hatte.

In der zweiten Sendung übernahm Annette Hess zu Beginn die Gesprächsleitung, fühlte sich aber in dieser Rolle sichtlich unwohl und hielt sie auch nicht durch. Ihre Stärke ist eindeutig die fundierte Kritik, sie glänzte in beiden Sendungen durch Fachwissen und gut begründete Urteile, erklärte, was eine "background wound" ist und warum sie neidisch auf die Ausstattung amerikanischer Serien schaut.

"Stromberg"-Autor Ralf Husmann wiederum ist der Mann für gute Bonmots. Über "Game of Thrones" sagte er, das sei für ihn wie "Lindenstraße mit Drachen", während er "Better Things" mit einem "doppelten Espresso für die Seele" verglich. Den beiden Fachleuten können die Serienjunkies Hoffmann und Krömer nur ihre umso emotionaler vorgetragenen Geschmacksurteile entgegensetzen. Annie Hoffmann sagte über die Serie "Better Things", sie sei "schockverliebt" in die Figur der Sam Fox gewesen, und Krömer gefiel, wie die Schauspielerin und Autorin Pamela Adlon "emotional die Hosen runterließ". Kein Wunder, dass beide dann auch noch sagten, sie hätten bei der Serie "Pipi in den Augen" gehabt.

Die zweite Sendung wirkte insgesamt etwas konzentrierter, die "vier Gastgeber" sprachen etwas länger über die vier Serien, die sie vorgeschlagen hatten, aber insgesamt könnten die Macher von Eitel Sonnenschein das Konzept noch deutlich verbessern: Die Gesprächsleitung sollte in der Hand einer Person liegen, die diese Rolle auch ausfüllen will und sich entsprechend vorbereitet. Die Serien sollten nicht nur in Trailern vorgestellt werden, aussagekräftige Szenen könnten auch ein besserer Anknüpfungspunkt für das Gespräch sein. Das Publikum sitzt verloren wirkend in der Kulisse - so ist es verzichtbar. Und schließlich wäre es ein großer Gewinn, gelegentlich Gäste einzuladen, die sich mit der Fernsehgeschichte auskennen und nicht so tun, als hätte es in Deutschland vor 2005 keine Serien gegeben.

Aus epd medien 48/19 vom 29. November 2019

Diemut Roether