Let me docutain you. Rockt Guttenberg RTL?

epd Bei RTL drehen sie jetzt richtig auf. Der hauseigene Streamingdienst RTL+ haut eine Eigenproduktion nach der anderen raus. Für die neue „Investigativunit“ der Gruppe werden gleich mal drei Investigativleute vom ZDF abgeworben, schließlich soll die Unit crossmedial für alle Angebote zuständig sein - auch für den „Stern“, dessen Verlagshaus Gruner + Jahr neuerdings eine Tochterfirma von RTL Deutschland ist.

Und dann folgt die nächste Knallernachricht: Der als Plagiator zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg soll bei RTL+ als Moderator tätig werden. Der 50-Jährige wird durch zwei 90-minütige „Docutainment-Sendungen“ führen, die noch in diesem Jahr ins Programm kommen sollen. Angaben zum Thema der Sendungen machte die RTL-Pressestelle auf Nachfrage nicht, versprach aber: „Wir halten Sie gerne im Loop.“

Zur Erinnerung: Im Jahr 2009 war der CSU-Politiker Guttenberg zunächst Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, danach Bundesverteidigungsminister. Seine Beliebtheitswerte waren zeitweise höher als die der damaligen Kanzlerin Angela Merkel, was das biografische Archiv Munzinger damit erklärt, dass der Adelige als „Projektionsfläche für die Sehnsüchte vieler Deutscher“ gedient habe. Im Frühjahr 2011 legte Guttenberg alle politischen Ämter nieder, weil in seiner Doktorarbeit zahlreiche Plagiate gefunden wurden. Sein Doktortitel wurde ihm von der Universität Bayreuth aberkannt. Seitdem war er unter anderem als Unternehmensberater und Lobbyist tätig - und zog weiterhin Kritik auf sich.

So war Guttenberg Vorstandsmitglied des zwielichtigen US-Technologieunternehmens Augustus Intelligence, das 2020 wegen der Lobbyismusaffäre um den CDU-Politiker Philipp Amthor bekannt wurde. Im Juni 2021 kassierte er eine Rüge des Deutschen Rats für Public Relations: Demnach unterließ es Guttenberg als Autor eines Gastbeitrags für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), kenntlich zu machen, dass er seinen Beitrag im Rahmen von Lobbyingaktivitäten für die - mittlerweile insolvente - Wirecard AG veröffentlichte. Eine FAZ-Sprecherin erklärte daraufhin: „Wir hätten den Beitrag in Kenntnis einer Beratertätigkeit Herrn zu Guttenbergs für Wirecard nicht abgedruckt.“

Nun wechselt der Mann mit den „perfekten Manieren“ und dem „beachtlichen Talent zur Selbstvermarktung“ („Die Zeit“) in den knallharten RTL-Journalismus, auch wenn die Endung „-tainment“ natürlich smarte Unterhaltungselemente erlaubt, die Guttenberg sicher Freude bereiten. Merkwürdig nur, dass sich RTL zum konkreten Inhalt der Sendungen ausschweigt. Im investigativen Bereich ist dies in der Regel ein Zeichen dafür, dass ein Medienhaus den Eingang von Unterlassungsaufforderungen vor der Veröffentlichung verhindern will. Möglicherweise packt Guttenberg also ganz heiße Eisen an - in Themenfeldern, bei denen er über besondere Expertise verfügt.

Da gäbe es zum Beispiel die Plagiatsvorwürfe gegen Springer-Chef Mathias Döpfner. Zwei Plagiatsjäger werfen ihm wissenschaftliches Fehlverhalten vor, aus ihrer Sicht hat er sich in seiner 1990 vorgelegten Doktorarbeit mit dem Titel „Musikkritik in Deutschland nach 1945: Inhaltliche und formale Tendenzen - eine kritische Analyse“ kräftig bei einer anderen Dissertation bedient. Die Frankfurter Goethe-Uni prüft die Vorwürfe. Gibt es dazu in Kürze exklusive Hintergründe bei RTL? Und geht der Sender dann auch der Frage nach, warum sich Döpfner als Präsident des Zeitungsverleger-Verbands BDZV zurückzieht, weil er viel Zeit für Springers US-Geschäft benötigt, dann aber den Nebenjob als Verwaltungsratspräsident des Springer-Joint-Ventures mit Ringier in der Schweiz annimmt? Wir wissen es nicht. Aber wir halten Sie im Loop.

Aus epd medien 26/22 vom 1. Juli 2022

Michael Ridder