Lebendiges Matriarchat. Die Serie "Better Things"

Was ist das nur für eine Mutter? Die 16-jährige Tochter hat einen 20 Jahre älteren Freund, und ihr macht das gar nichts aus? Als Sam von ihren Freunden gefragt wird, wie sie damit klarkommt, zuckt sie nur mit den Schultern und sagt: "Wenn ich meine Tochter im Haus haben will, muss ich ihn in Kauf nehmen." Als der Freund ihrer Tochter wenig später nach Portwein fragt, sagt sie, der Alkohol stehe im Schrank, er solle sich nehmen, was er wolle - "aber gib meiner Tochter nichts davon, sie ist noch minderjährig".

"Better Things" ist eine in jeder Hinsicht ungewöhnliche Familienserie: Sam (gespielt von Pamela Adlon) ist alleinerziehende Mutter von drei Töchtern. Zwei von ihnen sind heftig am Pubertieren, die jüngste, Duke, hält die Mutter und die beiden älteren Schwestern mit ihrer regen Fantasie auf Trab. Die mittlere Tochter, Frankie, wäre lieber ein Junge. Nachdem sie an der Schule auf dem Jungsklo erwischt wurde, erzählt sie der Mutter, wie schrecklich sie die Mädchen in ihrem Alter findet. Da kann die Mutter nur zustimmen: "Mittelstufenmädchen sind einfach scheiße."

Sam Fox ist eine coole Mutter, die mitten im Leben steht, aber zugleich ist sie so direkt und tabulos, dass sie ihren Töchtern oft peinlich ist. Wenn sie in der Schule einen Vortrag halten soll, spricht sie zum Entsetzen von Frankie über ein Thema, das alle Frauen angeht, über das aber keine gern spricht: die Menstruation. Wie sie es schafft, den jungen Mädchen die Scham zu nehmen, ist eine großartige Szene. Und als die älteste Tochter, Max, der Mutter gesteht, dass sie sich von ihrem so viel älteren Freund total überfordert fühlt - "Wir gehen mit Leuten, die Mitte 40 sind, auf Partys!" -, macht die Mutter mal eben Schluss mit dem Kerl.

Die Bücher zu "Better Things" hat sich Pamela Adlon, die die Serie auch produziert, auf den Leib schreiben lassen: Sam ist Schauspielerin wie Adlon und muss sich beim Vorsprechen in den Studios immer wieder darauf ansprechen lassen, dass sie doch eigentlich zu alt und nicht sexy genug für die Rolle ist. Immer wieder gerät sie wegen ihrer direkten, manchmal rotzigen Art mit Freunden oder auch Produzenten aneinander.

Diese Direktheit haben die Töchter von der Mutter geerbt. Einmal versucht Sam ihre kleine Tochter Duke davon zu überzeugen, dass sie ohne Töchter zusammen mit ihrer Mutter Phyllis ein Wochenende verbringen will, und sagt: "Willst Du nicht, dass Mom und Oma eine Superzeit verbringen?" Duke entgegnet: "Ich will selber eine Superzeit verbringen!" Als Sam mit Phyllis endlich nach Santa Barbara aufbrechen will, merkt sie aber, dass sie die kapriziöse, leicht verwirrte Mutter nicht zwei Tage lang ertragen wird, und bricht die Reise ab, noch ehe sie losgefahren sind. Sam stellt fest: "Ich bin scheiße. Eine Scheißtochter und eine Scheißmom."

"Better Things" zeigt keine heile Familienwelt, sondern ein erfrischend lebendiges, chaotisches, liebenswertes Matriarchat. Natürlich gibt es in Sams Leben auch Männer, aber sobald sie anstrengend werden und Aufmerksamkeit und Zuwendung einfordern, werden sie recht schnell wieder abserviert.

In Deutschland ist die vom amerikanischen Kabelsender FX produzierte Serie bei Magenta zu sehen. Erzählt wird assoziativ, in schnell aufeinanderfolgenden, genau beobachteten Szenen. Manchmal reißen die Szenen noch im Satz ab - man muss man ja nicht jeden Gag ausspielen. Keine Folge dauert länger als 25 Minuten, aber die Einblicke in den Alltag der Familie Fox sind so dicht und auf den Punkt gebracht, dass sie lange nachhallen. Eine so lebensnahe Frauenfigur wie Sam muss man in deutschen Serien lange suchen. Ihr können allenfalls die "Vorstadtweiber" mit ihrem Wiener Schmäh das Wasser reichen.

Aus epd medien 4/20 vom 24. Januar 2020