Laut gedacht. Funke und das Ende der Papierzeitung

Es war ein einziger Satz, den die Funke Mediengruppe in ihrer Pressemitteilung zum "Zukunftsprogramm Funke 2022" der Mediengruppe Thüringen (MGT) widmete: "Für die Thüringer Titel werden Szenarien erarbeitet, wie eine Versorgung der Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten gewährleistet werden kann", schrieb der Essener Medienkonzern. Es war ein Satz, der Spielraum für Interpretationen ließ. In Thüringen verursachte er ein PR-Desaster.

Jörg Riebartsch, Chefredakteur der "Ostthüringer Zeitung" (OTZ), bemühte auf Twitter das Vokabular von Rechtspopulisten: "Leider verbreitet der #MDR dazu #FakeNews - und zwar wider besseren Wissens." Und es war ausgerechnet der Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion, Björn Höcke, der Funke vorwarf, "ein elementares Stück demokratischer Kultur" aufzugeben. Was war passiert? MDR Thüringen hatte nach der Pressemitteilung aus Essen gemeldet, Funke plane einen Umstieg auf ausschließlich digitale Zeitungen in Thüringen. Verlagssprecher Tobias Korenke wurde von der Rundfunkanstalt mit der Aussage zitiert, für eine bestimmte Zeit würden Print- und Digital-Ausgaben noch nebeneinander angeboten. Vor allem in ländlichen Gebieten werde das nötig sein.

Anders als in Nordrhein-Westfalen, wo sich die Politik mit Kritik an den Plänen des Konzerns zurückhielt, hagelte es in Thüringen fraktionsübergreifend Kritik, die durch den MDR-Bericht - den auch der epd aufgriff - befeuert wurde. Vize-Ministerpräsidentin Anja Siegesmund (Grüne) verfasste einen offenen Brief an die Funke-Geschäftsführung, in dem es hieß: "Ich wünsche mir ein klares Bekenntnis zur gedruckten Zeitung." Auch CDU und SPD verurteilten eine mögliche Umstellung auf ein rein digitales Angebot.

Mit dieser Reaktion hatte in Essen offenbar niemand gerechnet, obwohl schon beim letzten großen Umbau der MGT 2016 mit rund 150 Entlassungen deutlicher Gegenwind aus der Politik zu spüren war. Um das Thema nun wieder einzufangen, veröffentlichte Funke auf den Internetseiten der "Thüringer Allgemeinen", der "Thüringischen Landeszeitung" und der OTZ eine "Richtigstellung", in der es hieß, die Zeitungen würden "neben dem bereits jetzt von vielen Lesern genutzten E-Paper-Angebot weiter als Print-Titel erscheinen. Von einem radikalen Umbruch ausschließlich auf Digital-Angebote, wie es der MDR falsch gemeldet hat, kann nicht die Rede sein." Ein klares Dementi ist das nicht.

Das bestätigt sich im Gespräch mit Funke-Sprecher Korenke. Er fühlt sich "ganz bewusst falsch verstanden" und legt Wert auf die Feststellung, es werde mitnichten irgendetwas "geplant", sondern lediglich "geprüft" - und zwar "verschiedene Szenarien". Eines davon sei "der mögliche Umstieg auf die digitale Zeitung in einigen Regionen". Durch den Mindestlohn sei die Zustellung teuer geworden, außerdem sei es schwerer geworden, Zusteller zu finden. Korenke betont zudem, dass "der Ausgang der Prüfung völlig offen" sei und verweist dabei auch auf die zum Teil unzureichende Internetanbindung, die eine rein digitale Versorgung derzeit technisch gar nicht ermögliche.

Dass in Thüringen künftig einige Regionen nicht mehr mit gedruckten Zeitungen beliefert werden, ist also nicht ausgeschlossen. Doch statt zu ihren Überlegungen zu stehen, vernebelt Funke die Debatte mit Wortklaubereien. Indem der Konzern dem MDR dabei auch noch bewusste Fake News vorwirft, spielt er acht Monate vor der Landtagswahl ausgerechnet der AfD in die Hände. Ob Funke "plant" oder "prüft", ist in einem wichtigen Punkt unerheblich. Thüringen wäre das erste Bundesland ohne gedruckte Zeitungen. Dieser Schritt, gälte er auch zunächst nur für ausgewählte Regionen, wäre so bedeutsam, dass eine ausführliche gesellschaftliche Debatte darüber auch dann schon dringend nötig ist, wenn er nur angedacht wird. Und immerhin hat Funke schon laut gedacht.

Aus epd medien 7/19 vom 15. Februar 2019

Ellen Nebel