Kreisch. Der laute Streit über den Film "Elternschule"

Was für ein gutes Land, in dem wir leben, dachte ich spätabends, als ich am 3. Juli die "Elternschule" im Ersten schaute. Der Dokumentarfilm zeigt Mütter, die absolut und unübersehbar am Ende ihrer Kräfte sind. Weil ihre Kleinkinder durchgehend schreien, nichts mehr essen, sich nicht vom Fleck bewegen. Ich sah Eltern, von denen ich sicher war: Wenn hier nicht schnell was passiert, droht eine Katastrophe. Verliert jemand die Nerven, klatscht ein Kind an die Wand, schüttelt es zu Tode. Solche Dinge stellte ich mir vor, und fand: wie klug von unserem Medizinsystem, so früh einzugreifen. Neben jedem verzweifelten Kind saß eine geduldige Kinderkrankenschwester. Ich war ein bisschen stolz auf dieses reiche Land.

Was für ein seltsames Land, dachte ich acht Stunden später. Auf unserem Portal "evangelisch.de" hatte Tilmann Gangloff den vom SWR koproduzierten Film empfohlen. Er erwähnte die Vorgeschichte - empörte Eltern hatten per Petition versucht, den Film aus den Kinos zu bekommen - und gab zu bedenken, dies sei kein Erziehungsratgeber für den Alltag. Sondern ein Film über kranke Kinder und ihre Therapie. "Enorm lehrreich", schrieb Gangloff.

Per Twitter ging es los. "Enorm lehrreich", zitierte ein Kinderpsychiater und fragte: "Hat damit jemand ein Problem?" Und viele hatten ein Problem. Nicht nur mit dem Film, nicht nur mit dem Arzt - sondern mit der Fernseh-Empfehlung. "Ich erwarte Ihre Stellungnahme", hieß es zweimal, gerne gleich mit der Drohung: "Sonst sehe ich mich gezwungen, aus der evangelischen Kirche auszutreten." Wer nur die Kommentare im Netz las, musste den Eindruck bekommen, der Fernsehkritiker quäle eigenhändig Kinder, sperre sie in dunkle Zimmer und gebe das Ganze als Evangelium aus.

Über die Methoden der Gelsenkirchener Klinik kann und soll gestritten werden. Ernstzunehmende Psychiater, reflektierte Mütter und der Kinderschutzbund haben dazu Stellung genommen. Aber streiten kann man vernünftigerweise nur dann, wenn man den Film gesehen hat. Drum war es richtig von der ARD, ihn zu zeigen, richtig vom Fernsehkritiker, ihn zu empfehlen. Ich hätte ihn so spät abends sonst schlicht verschlafen.

Erschreckend ist der Ton der Debatte. Dem Arzt werden Nazi-Methoden vorgeworfen. Die Vergleiche reichen von Waterboarding bis Missbrauch. Der Ton erinnert stellenweise an genau das nervenzehrende Geschrei der kleinen Kinder im Film. Wenn Du, böse Redaktion, nicht gleich Deinen TV-Kritiker kaltstellst, dann, kreisch, trete ich aus der Kirche aus. Auf den Boden stampf.

Zwei Dinge persönlich. Ich habe zwei Kinder erzogen, eines schrie als Baby sehr. Auch ich war total fertig. Meine Rettung war mein herzensguter Kinderarzt, der genau den Satz sagte, der auch in dem Film fällt: "Nur entspannte Eltern haben auch entspannte Kinder." Mein Arzt empfahl seinerzeit das Buch über die Methode "Jedes Kind kann schlafen lernen". Man sollte das Kind nachts in seinem Zimmer einige Minuten schreien lassen - ohne Kinderkrankenschwester. Ich hielt es nicht durch, ich platzte mitten rein ins Kinderzimmer. Irgendwann hörte es auf mit dem Brüllen. Keiner wusste warum.

Drum finde ich bis heute die Frage spannend, was man tut mit Kindern, die nächtelang durchschreien. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, den Kinderarzt zu verklagen. Oder das Buch - vor 20 Jahren ein ähnlicher Aufreger wie heute die "Elternschule" - zu verbieten. Das Streiten um den richtigen Weg - darauf sind wir Evangelische doch stolz. Wäre ich gern stolz. Und streite gerne weiter mit denen, die im Verein bleiben.

Aus epd medien 28/19 vom 15. Juli 2019

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, empörte Eltern hätten "per Strafanzeige versucht, den Film aus den Kinos zu klagen". Das ist falsch. Strafanzeigen wurden gegen die Klinik gestellt und nicht gegen den Film. Von Eltern gab es eine Petition gegen den Film. Wir haben das korrigiert.

Ursula Ott, Chefredakteurin "evangelisch.de"