Kennedys Hinterkopf. Zum Tod von D. A. Pennebaker

Bob Dylan hatte er vor der Kamera und John F. Kennedy. Auch David Bowie und Bill Clinton. Und auch Marius Müller-Westernhagen und Franz Josef Strauß. Ihnen allen versuchte der Dokumentarfilmer Donn Alan Pennebaker nahezukommen. Oft ist er ihnen sehr nahe gekommen und hat ikonische Bilder produziert, die seine Zeit erzählten. "Direct Cinema" ist der Begriff, mit dem man seinen Namen verbindet. Anfang der 60er gründete Pennebaker mit Robert Drew und Richard Leacock die Firma Drew Associates, damit legten sie die Grundlagen für eine neue Art des Filmens und Sehens. Heute gehören die Filme des Direct Cinema zu unserem visuellen Gedächtnis. Pennebaker mochte übrigens den Begriff nicht, das war ihm zu sehr Schublade.

Direct Cinema war eine technische Revolution. Die Erfindung der 16-mm-Handkamera erlaubte, verbunden mit unabhängigem O-Ton, eine neue Beweglichkeit und Unmittelbarkeit. Die Autoren konnten sich unauffällig bewegen, ohne die Protagonisten zu stören. Direct Cinema war eine ästhetische und kulturelle Revolution: Lange Einstellungen, eine Unmittelbarkeit in der Kameraführung, der Originalton, das Unkontrollierbare und Spontane - das passte in die gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche in den USA. Die fanden ihren stärksten Ausdruck im Aufstieg der Popkultur - Pennebakers wichtigstem Sujet: "Wir wollten eine Art Geschichtsschreibung unserer Zeit."

Direct Cinema, das war für den Filmemacher Pop und Politik. Das Verbindende beider Sphären war Performance. Der Film "Primary" über den Vorwahlkampf von Kennedy vs Hubert Humphrey, bei dem Pennebaker den Schnitt besorgte, war der Urknall des Direct Cinema. Der Kameramann hatte den Auftrag, ganz nah am Kandidaten Kennedy dranzubleiben, auch an dessen Hinterkopf, wenn der sich den Weg durch die Massen bahnte. Sieht man die Szenen heute, versteht man nicht nur den Aufstieg Kennedys, sondern auch, dass der Film ihn zum Star machte. Die Geburtsstunde der Politikstars.

1992 ging Pennebaker mit der gleichen beobachtenden und direkten Haltung an den Präsidentschaftswahlkampf von Bill Clinton, begleitete den Polit-Popstar und filmte die Kampagnenmacher bei der Arbeit. "The War Room" wurde 1994 für den Oscar nominiert. 2012 bekam Pennebaker den Ehrenoscar für sein Lebenswerk. 30 Jahre lang arbeitete er mit Chris Hegedus zusammen, Filmemacherin und Ehefrau.

Wie in der Politik hat Pennebaker auch seine Protagonisten aus der Popkultur gewissermaßen mit erfunden. Die Kamera folgte Politikern wie Popstars auf dem Weg zur Bühne. "Dont look back", sein Film über die Tournee von Bob Dylan 1965 ist stilbildend geworden, nah in den Bühnenauftritten und Backstage. "Monterey Pop" dokumentierte das legendäre Festival in Monterey 1967, auf dem zahlreiche Stars geboren wurden. Wieder die ikonischen Bilder: Jimi Hendrix, wie er seine Gitarre anzündet, The Who, wie sie Equipment und Bühne in Trümmer legen.

Ein wichtige Haltung für Pennebaker, so kann man es aus den Interviews heraushören, war Confidence. Kennedy oder Dylan haben dem Filmemacher vertraut, als sie die Kamera so nahe heranließen. Pennebaker selbst führte das darauf zurück, dass er nicht Teil der offiziellen Medienmaschinerie gewesen sei: "Ich galt als Außenseiter, als eine Art Lumpensammler."

Auch in der Zusammenarbeit mit anderen zählte Vertrauen: keine Anweisungen an Kameraleute bei den Musikfilmen und keine bevormundenden Kommentare für die Zuschauer. Den Begriff "Dokumentarfilm" wollte Pennebaker eigentlich nicht auf sich angewendet wissen. Er enthielt ihm zu viel Belehrung. Und belehren wollte er mit seinen Filmen nicht. Am 1. August ist Donn Alan Pennebaker im Alter von 94 Jahren auf Long Island gestorben.

Aus epd medien 32/19 vom 9. August 2019

Fritz Wolf