Janni im Fernsehwunderland. Das letzte "Neo Magazin Royale"

Es war die "wirklich allerallerletzte" Ausgabe des "Neo Magazin Royale", und Jan Böhmermann und sein Team von der Bildundtonfabrik gaben noch einmal alles, um zu zeigen, was diese "kleine trottelige Krawallshow" in den vergangenen sechs Jahren und 42 Tagen so besonders gemacht hat. In einer Revue ganz eigener Art erinnerte Böhmermann an "Captain Obvious", an den "Beefträger", an den Ärger wegen des Gedichts über Erdogan und an die Schauspieler, die er und sein Team bei "Schwiegermutter gesucht" eingeschleust hatten.

Böhmermann hat das Kaninchenloch "Neo Magazin Royale" genutzt, um dem Fernsehen zu zeigen, was für ein Wunderland es sein kann. Ende Oktober, anlässlich von zehn Jahren ZDFneo ("das Mini-ZDF") hatte sich der Moderator in seiner Sendung auf eine Zeitreise auf den Lerchenberg begeben und wollte als Jan Böhmermann von heute "persönlich Danke sagen den stolzen Gründervätern und -müttern, voller Demut und Respekt". Er traf die "Kreativen im ZDF" von damals in einem Konferenzraum, in den der jetzige Programmdirektor des ZDF und erste Senderchef von ZDFneo, Norbert Himmler, den Kaffeewagen hineinrollte. Doch als der Zeitreisende den versammelten Männern und Frauen erzählte, dass sie sich mit ZDFneo ja auch eine Menge Stress einhandeln würden, gefror denen das Lächeln im Gesicht: "Stress?! Das wollen wir aber nicht!"

So kommt es, wie es kommen muss: Der Zeitreisende Jan Böhmermann greift in das Raum-Zeit-Kontinuum ein, und als er in sein Studio in Ehrenfeld zurückkehren will, gibt es dort kein Studio, und kein Mensch kennt Jan Böhmermann oder das "Neo Magazin Royale". Klaas Heufer-Umlauf wird als neuer SPD-Vorsitzender begrüßt und Joko Winterscheidt ist Hutmacher. Bei ihm im Laden stehen Gundula Gause und Claus Kleber und probieren Hüte und ihre Moderationen: "Guten Abend!" - "Die Lottozahlen".

Es gibt wenige Menschen im Fernsehen, die das Medium so gut lesen können wie Böhmermann - und er kann es nicht nur lesen, er kann es auch bespielen: Er ist eben nicht nur ein "Digitalspartenqualitätsentertainer", er glänzt auch als Schauspieler und als Sänger. Er führt im Medium Fernsehen eine singende klingende Kritik des Fernsehens auf, die ihresgleichen sucht. Und er kann nicht nur Fernsehen, er kann auch Internet. Für das Image des ZDF war der blasse dünne Junge in den vergangenen sechs Jahren unbezahlbar, denn er hat gezeigt, dass der Sender auf dem Lerchenberg geradezu anarchisch sein kann.

Zum Ende der "wirklich allerallerletzten Sendung" widmete Jan Böhmermann sein letztes Lied "jemand ganz Besonderem". Zu "Hallelujah" kniete er sich vor einen improvisierten Altar, an dem als Triptychon die Porträts der ZDF-Dreieinigkeit lehnten: die Fernsehratsvorsitzende Marlehn Thieme, Programmdirektor Norbert Himmler und Intendant Thomas Bellut. Im Hintergrund wurde das Organigramm des ZDF eingeblendet.

Die große Frage ist nun, ob es Jan Böhmermann gelingen wird, diesen anarchischen Charme, den subversiven Humor und die spielerische Medienkritik ins Hauptprogramm zu transportieren. Ob ihm die Zuschauer auch dort folgen wollen, wenn er noch einmal eine Metaebene höher klettert und von oben zu ihnen runterwinkt. Und ob die Sendergewaltigen es sich auch dort gefallen lassen, wenn sie und ihr Programm so durch den Kakao gezogen werden wie im "Neo Magazin Royale".

"Jetzt ist es Zeit zu springen", sagte Böhmermann. Er und sein Team von der Bildundtonfabrik lassen sich ein Jahr Zeit, um ein neues Konzept für die neue Show zu entwickeln. Man kann gespannt sein, was ihnen für das "Hauptprogramm!" (Böhmermann grölte das Wort wie ein Fußballfan) einfallen wird. Hoffentlich wird ihn das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld in die "grenzenlose Freiheit hinter dem Welke" begleiten.

Aus epd medien 51/52 vom 20. Dezember 2019

Diemut Roether