Ironie-imprägniert. Der Politikvermittler Friedrich Nowottny wird 90

War da mal was, seit Bonn zur Bundeshauptstadt ausgerufen wurde? Ein ewiges Provisorium, unkten viele. Mit dem "Tulpenfeld" als Info-Börse für die Journalisten. Mit dem "Wasserwerk" als Ausweich-Parlament. Mit gehobenen Kneipen wie der "Provinz" als Kabale-und-Hiebe-Abendtreff für die immergleiche Melange aus Politikkaste und Journaille. Dann das bronzebraune Kanzleramt, verspottet als Kreissparkassen-Mustermodell, gleich daneben der Kanzlerbungalow - elegant zwar, aber ohne jeden staatstragenden Repräsentationsgestus. Bescheidenheit eben.

Ja, Bonn. Heute übertrumpft der gläserne Postturm den Langen Eugen, die frühere Fernseh-Ikone. Der weiße Langriegel der Deutschen Welle bedeckt das ehemalige Sportfeld. Ein Kongresszentrum hat das legendäre "Bundesbüdchen" verdrängt. Denkmalgeschützt, aber eine Schönheit? Auch das 1960 eröffnete Studio Bonn des WDR war mehr praktisch als schön. Es bot ein 120 Quadratmeter großes Studio fürs Fernsehen, vier fürs Radio, drumrum 25 Büros. Dass eine Klimaanlage dazugehörte, wurde damals extra erwähnt. Wenn alte Bonn-Fahrensleute heute das sanft geschwungene ARD-Hauptstadtschiff sehen, gerade zwei Steinwürfe vom Reichstag entfernt, kommen sie ins Sinnieren.

Bescheidenheit. Genauso sah es aus, wenn Friedrich Nowottny in klassischer Sitzpose hinterm Pult (Steilvorlage für Loriot) seinen "Bericht aus Bonn" mit der schlichten Formel begann: "Guten Abend meine Damen und Herren." Hinter ihm braun-orange eingefärbte Einfachgrafik vom Kanzleramt, rechts der Sendungstitel im großen Quadrat, abgelöst von Fotos oder Grafiken mit den Beitragsschwerpunkten, angekündigt mit einem plakativen Mono-Stichwort.

Das war alles weit weg vom aktuellen glamourösen Vorspann aus Berlin mit den sich ins Bild schiebenden Großjournalisten der jetzigen TV-Wochenschau. Nowottnys Gesicht mit der übergroßen Brille genügte, um zu wissen, wo man war und was einen erwartete: eine mit sanfter Ironie moderierte, mit subtilem Witz und scheinwattierter Respektlosigkeit imprägnierte politische "Freitags-Lese", ohne die, so apodiktisch der "Tagesspiegel", die Bonner Republik nicht ins Wochenende gehen konnte. Von 1967 bis 1985 prägte Friedrich Nowottny diese damalige Muss-Sendung, die "Einschaltquoten wie Gottschalk" hatte.

Natürlich war er kein uneitler Politik-Vermittler, er genoss sichtlich sein Rollenspiel auf mehr als Augenhöhe, die äußerlich manchmal die Unterstützung eines Stehkistchens brauchte. Wichtiger jedoch: seine Präzision in den Fragen, seine klare Interviewlinie, seine Hintergrundkenntnisse, welche das scheinbar so Einfache erst ermöglichten. Beim ewigen Journalisten/Politikerspiel "Wer umarmt wen" war er es, der die Armlänge bestimmte.

Dass professionelle Distanz mit innerem/äußeren Humor zusammenging: geschenkt. Das gehörte zum Kern, trug ihm Ehrenzeichen ein wie das Goldene Schlitzohr oder den Orden wider den tierischen Ernst. Worauf man ihn im Aachener Karneval mit Narrenkappe voller Lust einen Schlager schmettern sah: "An der Nordseeküste...". Auch im "Tatort" verewigte er sich, beim "Zollfahnder Kressin", in einer spröde-komischen Fahrstuhlrolle mit dem Bonner Kollegen Ernst Dieter Lueg, der sich einst mit Herbert Wehner ein unvergessenes Duell lieferte ("Herr Lüg" - "Herr Wöhner").

Tempi passati. So wie Nowottnys folgende zehn Intendantenjahre beim WDR, mit Parteiquerelen eingeleitet, danach mit nicht wenigen Fallstricken und Querschlägern grundiert. Geschadet hat es erkennbar nicht. Vor allem die alte Lust am Schreiben blieb lange lebendig. Der Zahn der Zeit nagt woanders. Wie lautet der Text zu "WDR Geschichte" in der WDR-Mediathek? "Friedrich Nowottny, geboren am 16. Mai 1929 in Hindenburg, Oberschlesien, moderierte zwölf Jahre lang den ‚Bericht aus Berlin’." Na dann, herzlichen Glückwunsch!

Aus epd medien 20/19 vom 17. Mai 2019

Uwe Kammann