Investigativer Knotenpunkt. Vor einem Jahr wurde Jan Kuciak ermordet

Diese eine Äußerung steckt ihm immer noch in den Knochen. Tibor Macak sitzt im Foyer des Slowakischen Rundfunks in auf einem durchgesessenen Ledersofa und schüttelt den Kopf, wenn er an jene Pressekonferenz vor einigen Jahren denkt. Robert Fico, der damalige Premierminister, stand vor den Mikrofonen und sagte zu den Journalisten, jedes Wort betonend: "Sie informieren nicht, Sie kämpfen gegen diese Regierung. Einige von Ihnen sind schmutzige, anti-slowakische Prostituierte!" Dieser Satz, sagt Macak, sei kennzeichnend für eine Entwicklung, die schließlich zur Ermordung des Reporters Jan Kuciak geführt habe.

Macak, ein Mittfünfziger mit grauem Haar und dunkler Weste, ist einer der bekanntesten Radiomoderatoren in der Slowakei - und Generalsekretär der Association of European Journalists (AEJ). In beiden Funktionen bekommt er genau mit, was seine Kollegen in der Slowakei umtreibt, und bis zum Mord an Jan Kuciak sei es die "Atmosphäre von Hass auf Journalisten" gewesen. So wie der Premierminister schimpften auch andere auf Reporter, die kritische Fragen stellten.

Kuciak war einer von denen, die an den heißesten Eisen arbeiten. Er war zwar erst 27 Jahre alt, galt aber bereits als Meister der Recherche in öffentlich zugänglichen Datenbanken. In der Slowakei müssen sämtliche Beschaffungsverträge und Rechnungen ins Netz gestellt werden, wenn sie die öffentliche Hand betreffen - vom kleinen Rathaus bis zum Verteidigungsministerium lassen sich so alle Kontrakte durchleuchten. Und das tat Kuciak, er kam dadurch mutmaßlichen Betrugsfällen mit Agrar-Subventionen auf die Schliche. Immer wieder trat er Geschäftsleuten auf die Füße, die in engen Beziehungen mit hochrangigen Politikern standen. Am 25. Februar 2018 wurde er erschossen aufgefunden, ermordet zusammen mit seiner Verlobten Martina Kusnirova in ihrem Haus, das sie gemeinsam renovieren wollten. Der Mörder ist inzwischen gefasst; die Ermittler vermuten, dass er im Auftrag eines einflussreichen Mannes aus der Unterwelt gehandelt hat - der juristisch wasserdichte Beweis dafür steht allerdings noch aus.

"Insgesamt denke ich, dass sich in der Öffentlichkeit das Standing von Journalisten geändert hat. Ein solch brutaler Mord hinterlässt Spuren in der Gesellschaft", sagt Tibor Macak, der Radiojournalist. Die Politiker gingen seither vorsichtiger mit Journalisten um, zumindest manche. Premierminister Fico musste bald nach dem Mord zurücktreten, weil auch er in verdächtig engem Kontakt mit dubiosen Geschäftemachern gestanden haben soll. "Ich denke nicht, dass die Angriffe der Politiker dazu führen würden, dass wir uns fürchten", sagt Macak, dann schiebt er hinterher: "Es ist ja bei uns noch nicht so weit wie etwa in der Türkei oder in Russland, dass Journalisten einfach eingesperrt werden."

Die interessanteste Reaktion der slowakischen Reporter auf den Mord lässt sich ein paar Kilometer weit entfernt vom Rundfunkgebäude beobachten: An einer Ausfallstraße hat das Online-Portal "Aktuality.sk" seinen Sitz, das zum Axel-Springer-Verlag gehört - es ist das Portal, für das Jan Kuciak gearbeitet hat. "Wir haben uns komplett verändert, die ganze Zeitung", sagt Chefredakteur Peter Bardy. "Wir hatten vorher ein dreiköpfiges Investigativ-Team. Nach Jans Ermordung sind wir zu einem regelrechten investigativen Knotenpunkt geworden." Fast alle Journalisten setzten sich jetzt auf die Spur von verdächtigen Machenschaften, von unlauteren Verstrickungen zwischen Unterwelt und Politik.

Und: Um diesen Seilschaften auf die Spur zu kommen, arbeiteten slowakische Journalisten heute quer durch die Medien besser zusammen als früher, etwa mit Recherche-Pools. Bardy sagt dazu: "Wir haben gemerkt, dass wir nicht immer die ersten, die exklusivsten sein müssen mit einer Nachricht. Manchmal ist es besser, wenn wir zusammenarbeiten - allein dafür, um uns gegenseitig zu schützen."

Aus epd medien 8/19 vom 22. Februar 2019

Kilian Kirchgeßner