Immersive Erfahrung. Fernsehen ohne Bild

epd Es geistert eine - vermutlich apokryphe - Geschichte durchs Internet von einem mitgehörten Gespräch zwischen zwei Jugendlichen. „Wäre es nicht Wahnsinn“, meint der eine, „wenn man auf dem Handy nicht erst die ganze Sprachnachricht hören müsste, bevor man antwortet, sondern direkt an der Stelle reagieren könnte, wo das Interessante gesagt wird?“ - „Ja“, meint die andere, „und wenn der, mit dem man spricht, das dann auch direkt hört. Das wäre noch besser.“

So in etwa müssen sich die Macher der Serie „Calls“, die bei Apple TV Plus zu sehen ist, in ihrem Pitch-Meeting gefühlt haben. Auf der einen Seite die Apple-Manager, auf der anderen die Kreativen rund um den uruguayischen Regisseur Fede Álvarez. Álvarez, die langen, dunkelblonden Haare lässig zurückgekämmt, die graublauen Augen auf die Anzugträger fixiert, sagt: „Wir machen eine Fernsehserie über mysteriöse übernatürliche Zeitverschiebungen.“ Alle nicken. „Aber statt mit Bildern... arbeiten wir nur mit Ton.“ Aufruhr im Konferenzraum. „Das gab es noch nie!“, ruft ein Redakteur.

Ganz so wird es wohl nicht gewesen sein. Álvarez' Serie ist die amerikanisierte Version einer Canal-Plus-Produktion von 2017, die auf dem gleichen Prinzip basiert. Wir hören mit, wie sich Menschen am Telefon unterhalten, während merkwürdige Dinge passieren. Ein junger Mann ruft seine Freundin an, obwohl er doch neben ihr im Bett zu liegen scheint. Ein eifersüchtiger Ehemann, der im Rausch seine Frau erschossen hat, wird plötzlich von einer Version der Toten angerufen, bei der die Katastrophe noch nicht passiert ist. Ein werdender Vater fährt in der Wüste durch ein Funkloch und bei seinem nächsten Anruf ist sein Sohn bereits ein Teenager. Die Dialoge werden im Moment des Sprechens auf dem Bildschirm eingeblendet. Die Positionierung des Texts verdeutlicht die Beziehung der Figuren.

Wenn „Calls“ auch mit klischeebehafteten Handlungssträngen arbeitet und die Sprechenden wegen der puristischen Produktionsweise ab und zu etwas ausschweifend erklären, was sie gerade tun, hat die Serie dennoch etwas Kunstvolles. Was als Aneinanderreihung von „Twilight Zone“-ähnlichen Episoden beginnt, verdichtet sich über die neun rund 20-minütigen Folgen zu einer zusammenhängenden Geschichte mit einem dramatischen Finale. Einige prominente US-Schauspieler und Schauspielerinnen, darunter Pedro Pascal, Aubrey Plaza, Mark Duplass und Rosario Dawson tauchen auf. Aber auch wenn die US-Version von "Calls” zusätzlich mit bunten Mustern und Linien arbeitet, die atmosphärisch über den Bildschirm tanzen, sie ist und bleibt im Grunde ein Hörspiel.

Im Silicon Valley sieht man das natürlich anders. Dort ist „Calls“ laut Pressetext eine "bahnbrechende, immersive Fernseherfahrung”. Diese Betonung der Innovation wirkt doppelt ironisch, da die Serie mit ihren vielen Telefonanrufen aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Heutzutage wäre es wahrscheinlich viel realistischer, dass die meisten der aufwühlenden Gespräche auf Whatsapp per Text- oder Sprachnachricht stattfinden. Aber wer weiß, vielleicht arbeitet man ja in Kalifornien auch bereits an der Vision der beiden belauschten Jugendlichen - einer bahnbrechenden, immersiven Erfahrung, bei der man sich Sprachnachrichten in Echtzeit hin- und herschickt. Oder eben, wie wir es nennen würden, sich anruft.

Aus epd medien 21/21 vom 28. Mai 2021

Alexander Matzkeit