Im Gespräch. Der DLF-Podcast "Nach Redaktionsschluss"

Die Digitalisierung hat dem Journalismus einen Rückkanal beschert: Redakteurinnen und Redakteure sind heute nicht mehr nur mit der Distribution von Themen, sondern zunehmend auch mit Community-Management beschäftigt. Der New Yorker Journalismusprofessor Jay Rosen beschrieb diesen Wandel mit den Worten: "The people formerly known as the audience." Die Medienredaktion des Deutschlandfunks (DLF) lädt diese "Menschen, die man einst als Publikum kannte" in ihrem Podcast "Nach Redaktionsschluss" zum Gespräch.

Wöchentlich diskutieren seit Anfang September Redakteure und Hörer gemeinsam mit weiteren Gästen über Medienthemen. Die Hörerinnen und Hörer sind aufgefordert, ihre Fragen per Mail einzusenden und werden anschließend von der Redaktion für eine monothematische Podcastfolge ausgewählt. Die so abgeschöpften Themen sind im Großen und Ganzen deckungsgleich mit dem, was auch in der medienjournalistischen Innenschau derzeit interessiert. Es geht um Haltungsjournalismus, Gendersternchen, Meinungsfreiheit oder die Corona-Berichterstattung. Dem politischen Interview, einer Spezialität des Deutschlandfunks, widmeten sich bislang gleich zwei Folgen.

Die zum Podcast eingeladenen Hörerinnen und Hörer sind oft "Heavy-DLF-User" und dementsprechend informiert sowie hinreichend eloquent. Dennoch bleibt ein Wissensgefälle zwischen ihnen und den diskutierenden Journalisten, was den Reiz und zugleich die Herausforderung des Formats ausmacht. "Nach Redaktionsschluss" funktioniert als medienpädagogisches Erklärstück, indem der Podcast einen Einblick gibt, "welche Gedanken sich Journalisten über ihre Arbeit machen", wie es in einer Bewertung des Podcasts heißt. Auf der anderen Seite fördert das Format durch den Austausch mit den Hörern eben diese journalistische Selbstreflexion. "Nach Redaktionsschluss" meistert dabei die Herausforderung, Hörer auf Augenhöhe zu informieren und dabei zugleich einen medienjournalistischen Mehrwert zu bieten.

Nicht immer wären dazu allerdings die 30 bis 45 Minuten nötig, die jede Folge in Anspruch nimmt. Selten kommt es am Ende zu einer Form von Einigung oder Konsens mit Hörern. Wo das doch einmal der Fall ist, bleibt klar, dass ein "Happy End" nicht das angestrebte Ziel der Debatte ist. Hörer Wolfgang Ziegler - kein Freund des Genderns - äußert in der Folge zum Thema den ernst gemeinten Satz: "Dem kann ich nicht widersprechen (...), ab morgen behaupte ich das Gegenteil." Doch die Diskussion ist damit nicht zu Ende. Am Ende ziehen auch die Journalistinnen Brigitte Baetz und Mirjam Kid Lehren daraus.

Der Ansatz, weitere Gesprächspartner zu den Diskussionen einzuladen, bewahrt die DLF-Journalisten vor der Falle, ihren Sender schlicht gegen Vorwürfe der Hörer verteidigen zu müssen. Wie unglücklich das laufen kann, musste Tobias Armbrüster erleben. Im Gespräch für den DLF-Podcast "Der Tag" mit einer Hörerin, die am 29. August in Berlin an der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen teilgenommen hatte, geriet der sonst nicht für zimperliche Gesprächsführung bekannte Journalist schmerzlich in die Defensive bei dem Versuch, von der Ausgewogenheit der Berichterstattung über die Proteste und Corona zu überzeugen.

"Nach Redaktionsschluss" tauschte zu diesem Thema sachlich die Argumente von Hörer Jochen Kramp, der besagte Demo im August ebenfalls besucht hatte, Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und DLF-Redakteurin Bettina Schmieding aus. Am Ende war in Yogeswhar die Erkenntnis gereift, dass er mit Kramp "nicht so extrem weit auseinander" liege. Das dialogische Element sei wichtig in Zeiten, in denen oft polarisiert werde, betonte der Journalist. "Nach Redaktionsschluss" leistet hierzu einen Beitrag und ist zugleich eine zeitgemäße Form des Community-Managements.

Aus epd medien 48/20 vom 27. November 2020

Ellen Nebel