Hybrid: Malcolm Gladwells Audiobuch "Miracle and Wonder”

epd Was genau ein Podcast ist, darüber streiten jene, die das gerne tun, schon von Anfang an. Reicht es, dass irgendwo eine Audiodatei liegt, die ich auf Abruf hören kann, oder gehören andere Faktoren dazu - etwa, dass ich das Angebot abonnieren kann oder dass ich dafür einen "Podcatcher” benutze, der den freien RSS-Standard nutzt? Genau das ist längst nicht immer gegeben, seit private Anbieter wie Audible oder Spotify Produktionen exklusiv über ihre Apps vertreiben.

Und wie verhält es sich, wenn dieses Prinzip auf den Kopf gestellt wird? Wenn ein Anbieter also Podcatcher und RSS-Feeds nutzt, aber das, was darüber ausgeliefert wird, nicht Podcast nennt? Das US-Onlinemagazin "Slate” etwa bietet seit Mai an, in seinem Webstore Audiobücher zu kaufen, für die man nach dem Kauf einen personalisierten RSS-Link erhält. Mit diesem kann man die Bücher anschließend in jedem handelsüblichen Podcatcher hören wie einen Podcast.

Auch der kanadische Journalist und Sachbuchautor Malcolm Gladwell („Tipping Point”) experimentiert schon länger mit diesem Format. Sein im April erschienenes Buch “The Bomber Mafia” begann als Geschichte in Gladwells Podcast "Revisionist History” und wurde dann von ihm in ähnlichem Format als Audiobuch erweitert, mit Musik, Soundeffekten und Archivmaterial. Erwerben ließ es sich über Gladwells Website per RSS-Feed.

Die Podcasts auf Gladwells Podcast-Label Pushkin klingen oft ähnlich wie „Revisionist History” oder “The Bomber Mafia”. Manche, wie "Cautionary Tales” von Ökonom Tim Harford, kommen ohne Interviews aus und bestehen nur aus klangvoll vorgetragenen Texten. Sie erscheinen, wie viele Podcasts inzwischen, in begrenzten Staffeln, die sich meist einem übergeordneten Thema widmen. Sind sie Podcasts im reinen Sinne, weil sie per RSS-Abo vertrieben werden, oder sind sie Audio-Sachbücher?

Bei Gladwells neuestem Werk verschwimmt das alles endgültig. „Miracle and Wonder: Conversations with Paul Simon” ist das viereinhalbstündige Destillat aus 30 Stunden Interviews mit dem Sänger und Songwriter, ergänzt um persönliche Gedanken und Thesen Gladwells und seines Co-Autors Bruce Headlam sowie Laudationen anderer Musiker. Es ist ein faszinierendes Stück Audio-Journalismus, denn Simon ist ein fantastischer Geschichtenerzähler und Gladwell ein begnadeter Analyst von Kreativität. Fans von Paul Simon sei es hiermit nachdrücklich empfohlen. Nur klassifizieren lässt sich “Miracle and Wonder” kaum.

Gladwell nennt es „Audiobook”, es hat etwa den Hörumfang eines kürzeren Sachbuchs und es hat Kapitel. Aber dort hören die Gemeinsamkeiten mit herkömmlichen Audiobüchern auf, denn es ist im Grunde ein langes Audiofeature mit Sprechertext, Interviews und viel Musik. Und es lässt sich wie schon “The Bomber Mafia” per RSS-Feed kaufen und hören. Ist es eigentlich ein Podcast? Oder steht irgendwo geschrieben, dass Podcasts kostenlos sein müssen?

Das alles mag einem wie Erbsenzählerei vorkommen und natürlich ist es am Ende egal, wie man es benennt - außer man ist ein Medien-Fachdienst, der zwar über Podcasts berichtet, aber nicht über Hörbücher. Eins steht fest: Hier findet eine faszinierende Hybridisierung von Audiogattungen statt, die auch einen aussichtsreichen Weg für die Refinanzierung aufwändiger Podcast-Produktionen aufzeigt: Nennt es einfach Hörbuch, der Rest kann bleiben.

Aus epd medien 47/21 vom 26. November 2021

Alexander Matzkeit