Höflich und nüchtern. Vor 60 Jahren: Kennedy gegen Nixon

Es war damals das größte TV-Ereignis. Das Fernsehen, bislang Unterhaltungsmedium, wurde zum Nachrichtenmedium. Geschätzte 70 Millionen der 110 Millionen erwachsenen US-Amerikaner sollen zugeschaut haben, als vor 60 Jahren die US-Präsidentschaftskandidaten erstmals live im Fernsehen debattierten: Der Republikaner Richard Nixon und der Demokrat John F. Kennedy standen am 26. September 1960 in einem Studio in Chicago vor den Kameras.

Bei der Debatte 1960 ging es um Innen- und Wirtschaftspolitik. Die Republikanische Partei habe sich gegen Hilfen für Bildung ausgesprochen, außerdem gegen Gesundheitsfürsorge für Senioren und gegen ein Elektrifizierungsprogramm, sagte Kennedy gleich zu Beginn. Nixon warf Kennedy fehlende Erfahrung vor. Kennedy und er hätten keine grundlegenden Differenzen über Ziele, nur über die Schritte dorthin. Nixon spielte auch auf Kennedys wohlhabenden Familienhintergrund an: Er, Nixon, wisse, was es bedeute, arm zu sein.

An den Inhalt des Duells erinnert man sich freilich heute kaum, eher an Eindrücke. Kennedy sei besser rübergekommen, sein Make-up besser, sein Anzug passender gewesen, heißt es. Kennedys "Leichtigkeit" stand im Kontrast zu Nixons scheinbarer Angespanntheit, wie der Politikwissenschaftler Arthur Cyr im September in der "Chicago Tribune" schrieb. Die Debatte habe "neu definiert, wie Kandidaten wettstreiten und kommunizieren".

In den Rückblicken hält sich die unbestätigte These, die Radiohörer hätten von Nixon einen positiveren Eindruck bekommen als die TV-Zuschauer. Gern wird Kennedy zitiert, obwohl unklar ist, ob er es wirklich gesagt hat: "Fernsehen mehr als alles andere" habe das Blatt zu seinen Gunsten gewendet. Kennedy, Katholik in einem Land mit protestantischer Mehrheit, war nach acht Jahren Regierung von Kriegsheld Dwight Eisenhower Herausforderer von dessen Vize Nixon. Kennedy gewann die Wahl mit einem hauchdünnen Vorsprung, er erhielt bei 68 Millionen abgegebenen Stimmen 112.000 Stimmen mehr.

Bei der TV-Debatte Nixon gegen Kennedy vor 60 Jahren ging es höflich zu. Die Moderatoren stellten nüchterne Fragen. Die Kandidaten ließen einander ausreden. Es saß kein Publikum im Studio. Im Jahr 2020 werden sich die Kontrahenten vor Publikum austauschen - das steigert den Unterhaltungswert. Heutzutage ist der Hype bei den Debatten riesig. Wer macht Fehler? Wer verspricht sich? Beide Seiten behaupten hinterher, ihr Kandidat habe gewonnen.

Geplant sind drei Debatten zwischen Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden. Am 29. September in Cleveland in Ohio, am 15. Oktober in Miami in Florida und am 22. Oktober, 13 Tage vor dem Wahltag, in Nashville in Tennessee. Die "Kommission für Präsidentschaftsdebatten" hat als Moderatoren Chris Wallace von Fox News, Steve Scully vom Kabelsender C-SPAN und Kristen Welker von NBC ausgesucht - eine angeblich politisch ausgewogene Kombination.

Die US-Journalistin Elizabeth Drew (84) kommentiert seit den 60er Jahren Politik und Medien. Jüngst schrieb sie in der "New York Times", auf Fernsehdebatten könne man verzichten. Diese seien zu "professionellen Ringkämpfen" geworden, Kandidaten bekämen "Punkte" für witzige Bemerkungen. Als Beispiel führte sie den Spruch des betagten Ronald Reagan aus dem Jahr 1984 an, er werde die relative Jugend seines Kontrahenten Walter Mondale nicht gegen ihn verwenden.

Aus epd medien 39/20 vom 25. September 2020

Konrad Ege