Hinter der Paywall. Das Lokaljournalismus-Projekt "Rums"

Der Medienmarkt in Münster ist übersichtlich. Es gibt zwar nominell noch zwei Tageszeitungen am Ort mit den "Westfälischen Nachrichten" und der "Münsterschen Zeitung". Diese werden im Lokalen allerdings nur noch von einer Redaktion bestückt. Wenn da ein neuer Anbieter von lokalen Nachrichten und Informationen auf den Markt kommt und seinen Inhalt kostenlos herschenkt, dann ist die Freude groß, die Sympathie schnell geweckt. Dabei spielt es kaum noch eine Rolle, ob die Artikel gedruckt oder digital verbreitet werden. Dementsprechend freundlich bis euphorisch wurde das neue Projekt "Rums" begrüßt, begleitet von einem bundesweiten Medienecho, das Großes verkündete.

Die Idee kam an im links-grünen Milieu, die Marketingkampagne auch, es gab ein nettes Narrativ zur Entstehung von "Rums" (ein paar Freunde, die sich bei einem Bier am Kanal überlegen, man müsste doch mal...) und eine höchst illustre Schar von Kolumnistinnen und Kolumnisten. Ja, so war das Ende März 2020, als "Rums" plötzlich und unerwartet in Münster erschien. Ein gutes halbes Jahr später, die Kommunalwahlen sind gelaufen, ist zumindest bei einem Teil des geneigten Lesepublikums Ernüchterung eingetreten. "Rums" kostet inzwischen, ist hinter einer Paywall verschwunden (https://www.rums.ms).

Nach Angabe der Rums Medien GmbH waren bisher 1.000 Menschen gewillt, den Schritt hinter die Paywall mitzugehen und acht Euro (oder freiwillig mehr) für einen "Brief" zu zahlen, der ganz ohne Bilder und Videos daherkommt, nur auf das Wort und auf Verlinkungen setzt. Jeweils dienstags und freitags werden die Briefe per Mail an die Abonnenten verschickt. Die prägende publizistische Persönlichkeit von "Rums" ist Ralf Heimann. Der hatte etliche Jahre relativ unauffällig als Wirtschaftsredakteur für die "Münstersche Zeitung" gearbeitet. Bekannt wurde er mit seinen offenherzigen autobiografischen Einblicken in das Lebens eines Lokalredakteurs, die er 2013 unter dem Titel "Die Tote Kuh kommt morgen rein" veröffentlichte.

Insgesamt beschäftigt die Rums Medien GmbH nach Angaben des Projektmanagers Marc-Stefan Andres derzeit vier freie Journalistinnen und Journalisten, die die Briefe erstellen und produzieren, mit einem Vollzeitäquivalent von etwa 1,5 Stellen. Die "Rums"-Macher bleiben unterdessen optimistisch, obwohl sie eigentlich mindestens 2.000 Abonnenten bräuchten. Andres sagt dem epd auf Nachfrage: "Aktuell finden Gespräche hinsichtlich einer Festanstellung statt."

Insgesamt sind zehn Gesellschafter an der Rums Medien GmbH beteiligt. Der Finanzmakler Götz Grommek aus Münster hält als Geschäftsführer rund 31 Prozent. Beteiligt sind neben anderen außerdem der frühere "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (der auch regelmäßig eine Kolumne beisteuert), Correctiv-Geschäftsführer David Schraven und Sebastian Turners Unternehmen Trafo Media. Die Kapitalgeber werden sich noch gedulden müssen, ehe ihr Invest eine Rendite abwirft, zumal "Rums" die Werbefreiheit zum Geschäftsprinzip erhoben hat und stattdessen sogar eine Rubrik "unbezahlte Werbung" eingerichtet hat.

Die Briefe können, mit etlichen P.S. und P.P.S. ausgestattet, schon mal ziemlich lang geraten. Den hehren Anspruch, "neuen Journalismus" zu bieten, haben die "Rums"-Macher bislang nicht einlösen können. Die alles überstrahlende Enthüllungsgeschichte haben sie noch nicht abgeliefert. Die Abonnenten bekommen soliden, gediegenen Lokaljournalismus geboten, manchmal on top ausgezeichnet recherchierte und sehr niveauvoll geschriebene Hintergrundgeschichten. Die jetzt aber nur noch einen begrenzten Leserkreis erreichen. Das "Rums"-Dilemma ist eines, das alle verlagsunabhängige Produkte haben, die hinter einer Paywall verschwinden. Sie können nicht mehr mit ihrem Produkt für das Produkt werben. Auch ein eigenes Redaktionsbüro hat man noch nicht gemietet.

Aus epd medien 43/20 vom 23. Oktober 2020

Frank Biermann