Heißes Thema. "Klima vor acht" und das Fernsehen

epd Wer zuschauen möchte, wie sich ein Intendant beinahe um Kopf und Kragen redet, dem sei ein Video von den Medientagen Mitteldeutschland empfohlen. „Das reizt mich ja ungeheuer“, sagte Thomas Bellut am 1. Juni in Leipzig bei einer Podiumsdiskussion über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und nahm auf seinem Stuhl unternehmungslustig Offensivhaltung ein. Dabei war der ZDF-Intendant gar nicht an der Reihe. Moderatorin Diemut Roether hatte MDR-Intendantin Karola Wille auf die Initiative für eine „Klima vor acht“-Sendung im Ersten angesprochen und gefragt: „Haben Sie sich da nicht geärgert, dass RTL das jetzt macht und nicht Das Erste?“

Wille überließ Bellut freundlich die Bühne, was vielleicht keine gute Idee war. Denn der Journalist, langjährige Moderator und ehemalige Programmdirektor des ZDF, verteidigte das Richtige, die redaktionelle Unabhängigkeit, auf eine ziemlich ungeschickte Weise. „Ich würde es nicht machen“, sagte Bellut. „Die Journalistinnen und Journalisten bestimmen, welche Themen gesetzt werden.“ Der sonst so besonnene Intendant klang wie ein Platzanweiser, der die Klimaschützer anraunzt: Schön in der Schlange anstellen! Irritierend auch seine Sicht auf die existenzielle Klimafrage. „Die Themen ändern sich ständig“, sagte Bellut. „Im Augenblick“ sei in der Tat Klima ein brennendes Thema. Als sei die drohende Klimakatastrophe auch nur eine von zahlreichen Säuen, die durchs Dorf gejagt werden.

Karola Wille kam anschließend doch noch zu Wort und signalisierte immerhin, dass die ARD über eine eigene Klima-Sendung im Ersten nachdenke. Ihr Statement taugte allerdings weniger zur Zuspitzung der Kontroverse. Vielleicht ist es deshalb nicht in dem Video-Ausschnitt enthalten, den die „Klima° vor acht“-Aktivisten bei Twitter verbreiten und der dort mittlerweile mehr als eine Viertel Million Mal gesehen worden ist.

Die ARD hat es übrigens beim Nachdenken schon zu einem Entschluss gebracht: Statt „Sportschau vor acht“ gibt es im Sommer nicht Klima, sondern „Sprüche vor acht“. Zum Auftakt am Freitag geht es um die Redewendung „Jemandem aufs Dach steigen“. Man hätte es sich nicht ausdenken können! Unterdessen hat RTL bereits mit der Initiative „Klima vor acht“ Kontakt aufgenommen und öffentlichkeitswirksam ein Format „im Umfeld von RTL aktuell“ angekündigt, das nach Angaben des Senders im Juli starten soll.

Hintergrund der Kontroverse ist eine Petition, die mittlerweile mehr als 30.000 Menschen unterzeichnet haben. Darin wird „mehr Klimaschutz im Fernsehen“ gefordert, sowie das Format „Börse vor acht“ durch eine regelmäßige Klima-Sendung zu ersetzen. Abgesehen davon, dass sich „Börse vor acht“ längst nicht nur auf Geldanlage-Tipps beschränkt und ökonomische Hintergrundinformationen ebenfalls relevant sind, hat dieser Vorschlag eher Symbolcharakter. Das mag für den Erfolg einer Petition sinnvoll und als Anstoß zur Debatte hinreichend sein. Aber es wäre töricht, die Diskussion über die Frage, ob die Sender angemessen und ausreichend über das Klima-Thema berichten, auf ein in Werbeinseln eingebettetes Mini-Magazin kurz vor der „Tagesschau“ zu verkürzen. Da gibt es in der zersplitterten Medienwelt von heute noch eine Vielzahl weiterer Baustellen.

Wichtig wäre vor allem, dass die Sender, nicht nur die öffentlich-rechtlichen, den Stellenwert von Wissenschaftsjournalismus insgesamt erkennen, ihre Angebote ausbauen, dafür entsprechende Ressourcen bereitstellen und so die drängenden Themen wie die Klimakatastrophe - oder eine Pandemie - in verschiedenen Formaten und auf verschiedenen Ausspielwegen sachgerecht und verständlich behandeln können. Gerne auch in einem eigenständigen Wissenschaftsmagazin im Ersten. Es muss ja nicht „Quarks“ heißen.

Aus epd medien 23/21 vom 11. Juni 2021

Thomas Gehringer