epd Herbst 1972. In Vietnam kämpfen und sterben die letzten Soldaten. US-Präsident Richard Nixon steht trotz aufgebrachter Proteste kurz vor der Wiederwahl. Zugleich brodelt der Watergate-Skandal, der den republikanischen Politiker später zu Fall bringen wird. In dieser Gemengelage startet der Fernsehsender CBS am 14. September 1972 „The Waltons“ - eine Familienserie aus der verlorenen Welt der 30er und 40er Jahre. Ort der Handlung sind die Blue Ridge Mountains im Süden des Bundesstaates Virginia, gern verspottet als Hinterwäldler-Territorium.

Die Familie Walton ist arm, doch glücklich, anständig, bescheiden und zufrieden. Die Waltons, das sind das gutherzige Familienoberhaupt John Walton und seine rechtschaffene Ehefrau Olivia, bei der definitiv kein Alkohol ins Haus kommt. Dazu kommen Großvater Zebulon und Oma Esther sowie der älteste Sohn John-Boy Walton und die Geschwister Jason, Mary Ellen, Benjamin, Erin, Jim-Bob und Elizabeth.

Die Waltons erleben große und alltägliche Probleme. Ihr Sägewerk und die Landwirtschaft können die Familie anfangs kaum ernähren. In einer Episode klagt John-Boy, es gebe immer wieder gebratene Apfelscheiben und Maissuppe. Elizabeth erleidet einen schweren Unfall, John-Boy sehnt sich nach einer Karriere als Schriftsteller. Grandpa stirbt. Oma Esther hat einen Schlaganfall. Vater John nimmt einen Job in einer Fabrik an, gibt den aber auf, weil er die Familie vermisst. Die Serie habe eine „entwaffnende Einfachheit“, die nie ins Unbedarfte abrutsche, kommentiert die „New York Times“ 1972.

Eines ist garantiert: Probleme lösen sich am Ende jeder Episode auf. Der Zuschauer sieht das Haus der Waltons, die Lichter gehen aus, Geschwister und Eltern wünschen einander Gute Nacht. Gute Nacht, John-Boy. Gute Nacht, Ma. Gute Nacht, Mary Ellen - und so weiter: „Gute Nacht, allesamt.“ Zu jeder Episode gehört eine aus dem Off mit der warmen Stimme des Serien-Creators Earl Hamner gesprochene moralische Bewertung der Ereignisse. Hamner wuchs selbst in einer großen Familie in dem Dorf Schuyler in den Blue Ridge Mountains auf, seinem Modell für die Waltons.

Politik ist kein direktes Thema. Der Weltkrieg verändert das Leben, die Söhne rücken ein. Doch unpolitisch sind die Filme nicht. Im Wohnzimmer hängt das Foto des demokratischen Präsidenten Franklin Roosevelt. Als dieser am 12. April 1945 stirbt, versammeln sich die Waltons an einem Bahnhof. Mit vielen anderen wollten sie die Fahrt des Trauerzuges mit dem Leichnam in die Hauptstadt Washington bezeugen. Hamner aus dem Off: Menschen seien zu den Bahngleisen gekommen, „um sich an diesen Mann zu erinnern, der die Nation aus ihrer schwersten Wirtschaftskrise geführt hat und zum Sieg in ihrem größten Krieg“.

Die Waltons leben in einer Region, die man heute Bibelgürtel nennt. Der Sonntagsgottesdienst und sogenannte Revivals mit „Feuer und Schwefel“-Predigern sind für die Baptistenfamilie ein Muss, doch es gibt Nuancen: Nach einem Revival lassen sich die Walton-Kinder Ben und Mary Ellen taufen. Vater John kommt nicht: „Vielleicht bin ich kein religiöser Mensch, ich habe immer auf meine eigene Art auf Gott geblickt.“

Die Serie begleitete die Familie schließlich 221 Folgen lang durch die erzählte Zeit von 1933 bis 1946. Ab 1975 fanden die Waltons auch in Deutschland ihr Publikum - beim ZDF. Zum 40. Jahrestag 2012 sagte der 2016 verstorbene Earl Hamner, die Serie sei zur richtigen Zeit gekommen. Wegen der Ungewissheit der Ära hätten sich die Zuschauer „Stabilität und Gemeinsamkeit“ gewünscht. Die Sehnsucht nach der heilen Welt dauerte offenbar an: 1992 sagte der damalige US-Präsident George H. W. Bush, die USA brauchten Familien wie die Waltons - und nicht Familien wie die Simpsons.

Aus epd medien 37/22 vom 16. September 2022

Konrad Ege