Hagertoni rulez. HR-Intendantenwahl in der Black Box

epd Wenn Florian Hager im März 2022 im Chefsessel des Hessischen Rundfunks (HR) Platz nimmt, wird der 45-Jährige einer der jüngsten Intendanten sein, die in den vergangenen Jahrzehnten in der ARD ihr Amt angetreten haben. Bringt der Mann, der auf Twitter unter dem Namen @hagertoni kommuniziert, jetzt den lange beschworenen digital turn im Senderverbund? Hagers Sieg im Rundfunkrat gegen die HR-Betriebsdirektorin Stephanie Weber (50) war knapp und gelang erst beim zweiten Wahltermin, was interessante Schlaglichter auf die Befindlichkeiten in der ARD wirft.

Ursprünglich galt Hager als ziemlich klarer Favorit. Er wurde als Geschäftsführer des Online-Jugendangebots Funk bundesweit bekannt und genoss dadurch eine Art Star-Status. Dass er seit 2020 Vize-Programmdirektor des Ersten und Channel-Manager der ARD-Mediathek ist, schraubte die Fallhöhe noch einmal nach oben. Wenn eine Findungskommission jemanden von diesem Kaliber anspricht, muss er eigentlich sicher sein können, den Job am Ende auch zu bekommen. Doch der HR-Rundfunkrat war in der Frage gespalten, wie sich bei den ersten drei Wahlgängen Ende Oktober zeigte, die alle mit einem Patt endeten. Die Juristin Weber, die erst Anfang dieses Jahres vom SR zum HR gewechselt war, konnte da wohl von ihrer Rechts- und Finanzkompetenz profitieren.

Es stellte sich die Grundsatzfrage: Berufen wir den digitalen Hoffnungsträger, der junges Publikum heranziehen kann, oder die versierte Verwaltungsexpertin, die mit spitzem Stift kalkuliert? Wie genau die Beratungen im Rundfunkrat verliefen, konnte leider niemand außerhalb des Gremiums verfolgen - die Wahlsitzungen fanden hinter verschlossenen Türen statt. Das passt nicht nur nicht zu der mit Hager heraufziehenden Modernität beim HR, sondern ist auch demokratiepolitisch ein großes Problem. Andere Sender machen es besser: Beim ZDF wurde die Intendantenwahl im Sommer live gestreamt. Immerhin hat der HR-Rundfunkrat angekündigt, künftig häufiger öffentlich zu tagen.

Der Rundfunkratsvorsitzende Rolf Müller sagte nach der Wahl, offenbar habe die „programmatische Ausrichtung“ am Ende den Ausschlag gegeben. Damit ist klar, was von Hager nun erwartet wird: ein grundlegender Umbau der oft als langweilig und provinziell wahrgenommenen Anstalt in der Mitte der Republik. Klugerweise vermied es Hager im Pressegespräch, den Eindruck zu erzeugen, er werde als Online-Checker alles umpflügen: „Ich bin nicht der digitale Evangelist, der jetzt hier reinlaufen und allen erzählen muss, wie es läuft.“ Außerdem sei er bei seiner Mediennutzung „in Teilen immer noch sehr analog“ und nutze etwa HR-Info intensiv.

Pandemiebedingt war die Optik für Hager beim digitalen Gespräch eher ungünstig. Er thronte in der Bildschirmmitte mit riesigem Abstand zu seinen Sitznachbarn; das wirkte ein bisschen so, als sei er gerade zum US-Präsidenten gewählt worden. In seinen Antworten betonte er aber glaubwürdig, dass er sich als nahbarer Teamplayer versteht und auch Weber explizit als Teil der Führungsspitze sieht. Möglicherweise gab ja das den Ausschlag für die Rundfunkräte, die ins Hager-Lager wechselten: Mit der jetzt festgezurrten Führungskonstruktion hat man Hager und Weber an Bord.

Was Hager motiviert hat, den Posten des ARD-Vize-Programmdirektors aufzugeben und stattdessen einen Sender zu leiten, der nicht zu denen gehört, die in der ARD den Ton angeben, das wurde im Pressegespräch nicht so recht deutlich. Wiederholt gestellten Nachfragen wich er mehr oder weniger geschickt aus, Spekulationen über ein Zerwürfnis mit ARD-Programmdirektorin Christine Strobl gab er keine Nahrung. Das „digitale Mindset“ sei bei Strobl auf jeden Fall vorhanden, versicherte er, genauso bei ARD-Chefredakteur Oliver Köhr.

Aus epd medien 49/21 vom 10. Dezember 2021

Michael Ridder