Gute Beine und wache Neugier. Zum Tod von Gerd Ruge

epd „Weltspiegel“, „Monitor“, der ikonographische „Bericht aus Bonn“, auch zwei Jahre Chefredaktion beim WDR: Alles stationär schön und gut, hierarchisch wichtig und gewichtig, verbunden mit Erfindergeist, Renommee, Reputation. Aber doch, wie Gerd Ruge in einem schönen Gespräch mit Peter Voß eingestand, nicht das Eigentliche. „Der eine kann dies, der andere kann das; ich konnte das andere besser.“

Das andere, das lässt sich nicht ganz homogen, aber doch ziemlich genau zusammenfassen. Es geht ums Reportieren, das Zurückbringen. Also: sich umtun, sich vieles anhören und ansehen, und dann: es beschreiben, davon berichten, mit/in Bildern, mit/in Worten, im verdichtenden, erklärenden, einordnenden Erzählen. Nicht um Hochgestochenes geht es, also nicht die vielbeschworene große Erzählung oder gar ein Narrativ. Sondern um Schlichteres: eine stets offene Annäherung an Geschehnisse und Situationen; eben so, wie sie zu finden sind; an Menschen, die sie prägen, leben, erdulden. Auf allen Ebenen. Die richtige Nase fürs Suchen gehört natürlich dazu. Und eine immense Beweglichkeit.

Dies in jeder Hinsicht. Für die Journalistengröße Ruge war es die Lebens- und Arbeitsgrundlage. „Ein Reporter braucht gute Beine und eine wache Neugier“, das gab er gerade Berufseinsteigern als ersten und letzten Grundsatz mit auf den Weg. Höchstnoten für Haltung, gar für Empörung oder Entrüstung hätte er nicht einstreichen können. Und nicht wollen.

Sein Tenor, sein Ton war ein anderer: ruhig und lakonisch, latent unterspielend, imprägnierend erfahren und abgelauscht von der britischen Rundfunkbesatzung in Hamburg, wo er in der unmittelbaren Nachkriegszeit Beiträge ablieferte, so für den Jugendfunk. Der Nordwestdeutsche Rundfunk unter Chefcontroller Hugh Carlton Green, mit Intellektuellen wie Ernst Schnabel und Axel Eggebrecht: das war für ihn Freiheit in vielerlei Hinsicht, noch weit entfernt vom sich zunehmend verengenden System. Als dann Köln der rheinische Brückenkopf des Senders wurde, sah er seine Chance: noch mehr Aufbruch und Spielraum bei nur 35 Mitarbeitern, wo es in Hamburg schon vierzehnmal so viele waren. Hart waren die äußeren Bedingungen, der leere Magen bekam Grießbrei und Bluna.

Es reichte - Zufälle und Glück inklusive - für eine ganz eigene Energie. So dass jetzt der WDR Ruges Leistung mit dem Sendetitel ehrte: „In 80 Jahren um die Welt“. Natürlich zählen zu den Welterlebnissen die Korrespondentenjahre in Russland, dort in drei Etappen. Oder jene in USA, wo er zwei dramatische Höhepunkte - die Ermordung Martin Luther Kings und Robert Kennedys - erlebte und im Reportagefilm mit gebeugtem Kopf und brüchiger Stimme bat, fern jeder Routine: „Sie werden mir verzeihen, wenn ich das alles nicht geschliffen schildern kann.“

Nein, keine Routine, nie. Weder im Umgang mit den Mächtigen noch bei der Beschreibung des Alltäglichen. Für eine seiner späteren Reisereportagen unter dem Seriensiegel „Ruge unterwegs“ - mehr als 30 wurden es im (Formal-)Ruhestand - durchquerte er sogar zu Fuß den Kaukasus. 2003 brachte er aus Afghanistan Eindrücke mit, die jedem zu denken geben mussten. Immer war er, auch dort, nah bei den Menschen, so wie er sie antraf. Als er Moskaus Umgebung im Umkreis von 100 Kilometern erkundete, führte er auch Gespräche von Auto zu Auto, einfach so, durchs Seitenfenster. Wie immer unterstützt von einer atmend-agilen Kamera.

Bücher schrieb er auch, der große Leser. Selbst auf die Auslandsposten begleiteten ihn 4.500 Bände. Aber im Grunde seines Herzens, seines Verstands und seines Temperaments war und blieb er Reporter. Und Erzähler, auch wortwörtlich, in der durchgehenden stimmlichen Begleitung der Filme. Sein Nuscheln störte nicht. Es wurde zum Ausweis seiner Qualität. Und seines Seins: als Humanist.

Aus epd medien 42/21 vom 22. Oktober 2021

Uwe Kammann