epd Die Autorin und PR-Beraterin Kerstin Hoffmann hat in einem Vortrag einmal einen Begriff benutzt, der immer noch in mir nachhallt: Vorstandscontent. Sie meinte damit jene Art von Social-Media-Posts von Firmen, in denen meist Männer in Anzügen zu sehen sind, die für Fotos auf Messen und Empfängen posieren. Die Posts, sagte Hoffmann, haben für die Abonnentinnen und Abonnenten des Kanals keinerlei Nutzen. Sie erzählen keine Geschichte, erzeugen keine Resonanz, schaffen keinen Mehrwert. Ihr einziger Sinn liegt darin, der eigenen Chefetage zu schmeicheln.

Dem Podcast "Generation Alpha”, den sich der Kinderkanal von ARD und ZDF selbst zum 25. Geburtstag geschenkt hat, ist diese Art Content nicht fremd. Seit Januar erscheinen alle zwei Wochen neue Episoden. Die Hosts sind Inka Kiwit, Ann-Kathrin Canjé und Daniel Fiene, drei journalistisch ausgebildete Menschen, dennoch ist dem Format deutlich anzumerken, dass dahinter keine Redaktion, sondern die Unternehmenskommunikation des Kika steht. Für wen es produziert wird, welche Erkenntnis es bieten soll, ist nicht so ganz ersichtlich. Aber Chefs und Förderern des Kika gefällt es bestimmt.

Laut Pressetext soll „Generation Alpha“ Einblicke „in die Lebenswelt der jüngsten Generation” geben, gemeint sind die nach 2010 geborenen Kinder, die eine Welt ohne Cloud Computing und Streamingangebote nicht mehr kennen. Klingt eigentlich ganz interessant. Ich habe selbst ein Kind der Generation Alpha und würde gerne von Expertinnen und Experten erfahren, was dessen heutige Lebenswelt auszeichnet und wie sie sich entwickeln könnte. Doch dieses Erkenntnisinteresse scheint bei den Macherinnen und Machern von “Generation Alpha” nicht sehr ausgeprägt zu sein. Sie möchten lieber Menschen ein Bühne bieten, die dem Sender gut zu Gesicht stehen.

In der ersten Folge kamen zum Beispiel die Kika-Programmgeschäftsführerin Astrid Plenk, MDR-Intendantin Karola Wille und der damalige ZDF-Intendant Thomas Bellut zu Wort, natürlich alle mit vollen akademischen Titeln. Eine solche Folge ist das akustische Äquivalent einer politischen Grußwortparade auf einer Abendveranstaltung oder in einem Programmheft. Keiner will das, aber alle müssen gemeinsam durch.

Doch danach wird es leider nicht besser. Selten werden Leute interviewt, die sich wirklich mit der Generation Alpha auskennen, meist sind es eher Menschen, die für ein bestimmtes Thema stehen, für das sie dann vage Segenswünsche in Richtung kommende Generationen formulieren dürfen. In der Folge, in der es um Comedy geht, nimmt den meisten Raum die Heldenverehrung von Tommy Krappweis (50) ein, der darüber witzelt, dass man seine Erfindung Bernd das Brot heute vermutlich glutenfrei machen müsste. Der ebenfalls anwesende Joy Chun, der 2021 für den Kika eine antirassistische Sketchcomedy produziert hat, darf auch was sagen. Aber nicht viel. Und über die Generation Alpha erfährt man fast nichts.

Es gibt Ausnahmen: Natürlich wissen die Medienpädagogin Kathrin Demmler oder der „Krautreporter“-Bildungsexperte Bent Freiwald, wovon sie sprechen. Es ist auch gut, dass Themen wie Diversität oder Barrierefreiheit mit Vertreterinnen der „Neuen Deutschen Medienmacher“ oder des Magazins "Die neue Norm” vorkommen. Aber für jeden wertvollen Beitrag darf wenig später jemand wie Europapark-Chef Michael Mack im Podcast Werbung für sein Unternehmen machen und erzählen, dass heute ja nichts mehr so ist wie früher.

Die jüngste Folge ist erneut ein Potpourri von Funktionärinnen und Funktionären, die größtenteils nichtssagende Worthülsen in Daniel Fienes Mikrofon sprechen. Sie trägt den bescheidenen Titel "Den Kinderkanal wird es immer geben”. Mag sein, aber hoffentlich findet der Podcast bald ein Ende!

Aus epd medien 36/22 vom 9. September 2022

Alexander Matzkeit